Home

Wachsende Bewusstheit (Essays, Lyrik)

Paradies auf Erden (Bücher)

Über mich

Aktuelles

Kontakt

Spuren (Zitate)

Eine andere Welt ist möglich (Links)

 


 

 

Wut

 

Ich will eine Lanze brechen für die Wut

damit sie erlöst werden kann, in dir, in mir, in uns.

Und nicht nur einfach, wie bisher, unterdrückt, so dass die Welt aus allen Nähten platzt und explodiert vor unterdrückter Wut, die sich an allen Ecken und Enden in immer neu entflammenden Krisen- und Unruheherden ihren Weg nach außen bahnt.

Erlöste Wut, Wut, die aus der Verbannung in unser Unbewusstes erlöst wird – und das kann nur jede(r) für sich selber tun – verwandelt sich in das zurück, was sie ursprünglich war und in ihrem Kern immer bleibt: lebendige, schöpferische, dynamische Lebenskraft.

 

Solange wir die Wut nicht von Schuld trennen, will niemand von uns die Verantwortung für sie übernehmen, und so schieben wir sie nur immer den anderen zu und sie kann nie erlöst werden und schwelt immer weiter.

Solange wir die Wut nicht vom Opfer-Täter-Denken lösen, bleibt sie unerlösbar.

Solange wir unsere Wut nicht kennen, sind wir ihr ausgeliefert – scheinbar in anderen.

Solange wir Angst vor unserer eigenen Wut haben, wird sie zu Gewalt – die uns in anderen begegnet.

 

Gefährlich und zerstörerisch erlebe ich Wut ohne Bewusstheit. Wut, die in unser Bewusstsein treten darf, kann erlöst werden, sie muss nicht länger gewalttätig bleiben.

Mehr zum Erlösen unterdrückter Wut aus meiner Sicht in meinen Büchern Das Paradies auf Erden ... und Coming Together – Ein neues WIR.

 

Eines meiner Lieblingsgedichte passt zu diesem Thema. Es ist von Thich Nhat Hanh, und ich gebe es hier wieder mit einer Einführung von Joanna Macy (zitiert und von mir übersetzt aus EarthLight Magazine of Spiritual Ecology http://www.earthlight.org, mit freundlicher Genehmigung):

Der vietnamesische Zen Meister Thich Nhat Hanh ist einer der beliebtesten buddhistischen Lehrer im Westen: eine seltene Mischung aus Mystiker, Dichter, Gelehrtem und Aktivisten. Seine leuchtende Präsenz und die einfache, mitfühlende Klarheit seiner Schriften haben unzählige Leben berührt. Frei von jeglichem Dogma zeigt er uns, wie aufmerksames, achtungsvolles Gewahrsein unsere Seelen und unsere Welt heilen und uns, in Freude, nach Hause bringen kann, nach Hause zum lebendigen Körper von Mutter Erde und nach Hause zu unserer Verwandschaft mit allen Geschöpfen.

1967 wurde Thich Nhat Hanh von Dr. Martin Luther King Jr. für den Friedensnobelpreis nominiert. Sein mutiges Handeln während des Vietnamkrieges, bei dem er Opfern auf beiden Seiten des Konflikts half, und sein Vorsitz der vietnamesischen buddhistischen Friedensdelegation hatten mich bereits, lange bevor ich ihm dann 1982 auf der Sondersitzung der Vereinten Nationen für Abrüstung begegnete, inspiriert. Dort dann, auf einem Forum von Religionsführern, die ihrer moralischen Entrüstung lautstark Ausdruck verliehn, kam er ganz still herein und ging ohne irgendein Redemanuskript zum Rednerpult. ´Ich habe nicht viel zu sagen,´sagte er. ´Aber auf meinem Weg hierher habe ich ein Gedicht geschrieben.´ Aus der Tasche seiner braunen Mönchskutte zog er ein zerknittertes Blatt Papier, dann las er einfach die folgenden Verse vor - und setzte sich wieder. (Joanna Macy)"


Nenn mich bei meinen wahren Namen

Sag nicht, dass ich morgen scheide
- ich komme ja immer noch an.

Sieh doch: ich komme in jeder Sekunde an,
um die Knospe am Frühlingszweig zu werden,
ein kleiner Vogel, dessen Flügel noch zerbrechlich sind
und der gerade singen lernt in seinem neuen Nest,
ein Käfer im Herzen einer Blume
und ein Juwel, das sich im Stein verbirgt.

Ich komme immer noch an um zu lachen und zu weinen,
zu fürchten und zu hoffen;
der Rhythmus meines Herzens ist die Geburt
und der Tod alles Lebendigen.

Ich bin die Eintagsfliege,
die schillernd auf dem Fluss treibt,
und ich bin der Vogel, der im Frühling
gerade rechtzeitig kommt,
die Eintagsfliege zu verspeisen.

Ich bin ein Frosch, der ganz zufrieden
im klaren Wasser eines Teiches paddelt,
und ich bin die Ringelnatter, die sich
in stiller Pirsch an den Frosch heranmacht.

Ich bin das Kind aus Uganda, nur Haut und Knochen noch,
mit Beinchen so dünn wie Spindeln,
und ich bin der Waffenschieber,
der todbringendes Gerät an Uganda verkauft.

Ich bin das zwölfjährige Mädchen auf einem Flüchtlingsboot
das sich ins Meer wirft,
nachdem es von einem Piraten vergewaltigt wurde,
und ich bin der Pirat, mit einem Herzen,
das noch blind und unfähig ist zu lieben.

Ich bin ein Mitglied des Politbüros,
mit großer Macht in meinen Händen,
und ich bin der Mann
der seine "Blutschuld" meinem Volk gegenüber abträgt,
während er im Arbeitslager eines langsamen Todes stirbt.

Meine Freude ist wie der Frühling,
so wärmend, dass sie überall Blumen hervorsprießen lässt.

Mein Schmerz ist wie ein Fluss aus Tränen, so voll,
dass er die vier Meere füllt.

Bitte nenn mich also bei meinen wahren Namen,
damit ich aufwache,
damit das Tor meines Herzens,
das Tor des Mitgefühls,
offenbleibt.


Thich Nhat Hanh