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Unter Menschen

Gemeinschaftsbildung nach Scott Peck

 


                                     Uralter Wust ist zwischen Mensch und Mensch gehäuft.

                                     (...) Mitunter tappen die Menschen im bangen Rausch

                                     aufeinander zu – und verfehlen sich, denn der Mulm-

                                     haufen ist zwischen ihnen. Räumt ihn weg, du und du

                                     und du! Stellt Unmittelbarkeit (...) zwischen den Men-

                                     schen her! - Du sollst dich nicht vorenthalten.“

                                     - Martin Buber

 

 

Dieses Zitat von Martin Buber liebe ich, weil es unser ganzes menschliches Dilemma beredt zusammenfasst und gleichzeitig eine Richtung zur Heilung weist: „Du sollst dich nicht vorenthalten.“ Immer wieder tun wir genau das. Wir enthalten uns (einander und uns selbst) die Liebe vor, die wir SIND; sprich: unser Sein, unsere Trauer, unsere Wut, unsere Gaben, unsere Freude, unsere Angst; unsere wahren Gedanken, unsere Vorbehalte, unser Misstrauen, kurz: unsere Wahrheit ... Immer wieder erlebe ich, dass Begegnungen mit Menschen, zu zweit und besonders in Gruppen, für mich frustrierend sind und ich sie lieber fliehe, weil kein wirklicher Kontakt stattfindet, sondern

 

im besten Fall eine Art Pseudobegegnung, die nur davon lebt, dass wir delikate und Tabu-Themen meiden (um den Wust zwischen uns, diese schlafenden Hunde, nicht zu wecken), so dass die Begegnungen flach und oberflächlich sind (diese Art von Pseudogemeinschaft suchen und finden wir zum Beispiel  auf Feiern)

 

im schlimmsten Fall, besonders wenn es darum geht, zu irgendeiner Art von Konsens oder gemeinsamer Entscheidung zu kommen (z.B. in politischen Versammlungen), eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen zwei oder mehr Lagern.

 

In der Pseudobegegnung auf Feiern und ähnlichen Ereignissen ziehe ich keinen Trost aus dieser hauchdünnen Kruste an Übereinstimmung, erlebe stattdessen körperlich und emotional quälend alles, was unter dem Teppich schmort. Bin wütend über die Verhinderung von Wahrheit und Echtheit, verzweifelt über das was fehlt: Schönheit, Liebe, und die Möglichkeit, lustvoll schöpferisch zu sein. Die eher nervenaufreibenden Auseinandersetzungen und Diskussionen auf Versammlungen aller Art, bei denen wir gemeinsam zu irgendwelchen Entscheidungen kommen sollen, finde ich ebenso zehrend mit dem allseitigen Rechthaben- und Herrschen- und Siegenwollen (auch bei mir).

 

Unter meiner Wut über das viele Lügen in Pseudobegegnungen liegen Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung und letztlich einfach Trauer über die Unmöglichkeit, unter Menschen das Fließen von Liebe zu erleben in einem Raum, in dem ich so sein kann wie ich bin – und jede(r) andere ebenfalls. Echte Gemeinschaft ist ein Ort, wo Unterschiede willkommen und geschätzt sind, wo Konflikte, die sich aus diesen Unterschieden ergeben, nicht gefürchtet und gemieden, sondern offengelegt werden und Raum haben, und wo deshalb jede(r) eingeladen ist, so zu sein wie sie ist. Echte Gemeinschaft lebt ohne zentralisierte Kontroll- und Führungsinstanz davon, dass jede(r) sich mit ihren Gaben voll und freudig einbringt. Ich glaube nicht an die Zukunft von hierarchischen Strukturen, weder in Form von Einzelstaatenregierungen noch in Form von UNOs und wie sie alle heißen, noch in Form einer Weltregierung, die manche als nächsten Schritt ansehen. Ich glaube an offene, selbstorganisierende Systeme und ein freies, schöpferisches Spiel der Kräfte. DAS ist für mich lebenswert und zukunftsträchtig.

 

Um dieses freie evolutionäre Spiel der Kräfte schöpferisch sein zu lassen, müssen wir Menschen auf vielleicht niemals dagewesene Art gemeinschaftsfähig, genauer: gemeinschaftswillig werden. Gewiss gab es zu anderen Zeiten bereits Formen von echter Gemeinschaft, die wir heute verloren haben. Die meisten davon waren aber auch mit Führerschaft verbunden, auch wenn es dabei oft um Führer ging, die wegen ihrer Weisheit und Demut diese Rolle innehatten und nicht wegen ihrer Machtlust, so dass die Gemeinschaft unter ihrer Führung gut gedeihen konnte. Für die Zukunft sehe ich die Auflösung aller hierarchischer Strukturen unter Menschen, und das setzt Formen von Gemeinschaften voraus, die es so vielleicht nie oder kaum jemals gegeben hat, die wir auf jeden Fall heute nicht mehr kennen: Gemeinschaft als offenes, selbstorganisierendes System in einem unendlichen Netzwerk anderer selbstorgansierender Systeme.

 

Gemeinschaftsbildung ist keine Methode, die wir erlernen müssen oder können - sie ist im Grunde das natürlichste von der Welt: offene, wahrhaftige Kommunikation über Wesentliches und Begegnung in der Wahrheit des Augenblicks.

 

Es geht mehr um ver-lernen als um lernen: Wir ver-lernen das Masken tragen.

 

Was im Augenblick im Weg steht, sind wir selbst mit unserem Verständnis, voneinander und von allem, was ist, getrennte Wesen zu sein, die um ihr Überleben kämpfen müssen. Von diesem Verständnis leben unsere Egos, die im Zweifel jeder Zeit bereit sind, für das eigene physische Überleben alles übrige zu töten - ein Wahnsinn. Scott Peck schreibt viel über die großen Schwierigkeiten und die massiven Vermeidungstendenzen einer Gruppe auf dem Wege zu echter Begegnung und Vielheit in der Einheit. Der zentrale Punkt auf diesem Weg ist der Übergang vom Kräftemessen ins Loslassen. Scott Peck spricht an diesem Punkt von einer Art Sterbeerlebnis der Gruppe. Das Ego der Einzelnen muss aufgegeben werden, das Verstecken der Schwächen und Schattenseiten voreinander und vor sich selbst muss beendet, die Masken müssen abgelegt werden, damit sich die Herzen wirklich füreinander öffnen können.

 

Worum geht es unter Menschen? In Zweier- und größeren Gemeinschaften? Um Heilung. Der Wust will erlöst werden. Es geht um üben, erleben, und Wege bahnen. Üben, weil wir bisher nie gelernt haben, wie wir durch diesen Wust hindurch jenseits davon kommen. Bisher haben wir immer versucht, ihn zu ignorieren. Erleben, weil es das ist, was wir uns zutiefst wünschen – wozu sind wir hier, wir, all diese Menschen, unter unseres gleichen, wenn nicht, um Gemeinschaft zu erleben? Neue Wege bahnen, weil wir sonst nur damit weitermachen können, uns selbst und unseren Lebensraum sehenden Auges zu zerstören. Warum? Letztlich ist es uns vielleicht einfach gleich-gültig, ob wir weiterleben, weil wir ohnehin so schmerzlich die Liebe vermissen, die zum Beispiel aus einem solchen Gemeinschaftsgefühl entspringt (und die wir zuerst uns selbst gegenüber empfinden dürfen).

 

Die Möglichkeit, dass Menschen - nicht nur zwei (und selbst das, wie wir alle wissen, ist für die meisten von uns schon unmöglich), sondern viele, letztlich alle Menschen auf dieser Welt - dauerhaft zusammenleben, ohne sich und die Welt um uns herum in gegenseitgem Kämpfen aufzureiben und zu vernichten, scheint außer Reichweite. Wenn wir genau hinspüren, kämpfen wir ja ebenso jede(r) gegen uns selbst, lehnen dies und jenes in uns ab - wenn wir nicht einmal mit uns selbst, und zwar mit allem, was in uns ist, mit den scheinbar schönen wie mit den scheinbar hässlichen Seiten, in Frieden leben können, wie soll uns das zu zweit oder gar in größeren Gemeinschaften gelingen?

Gibt es nicht irgendwo Ansatzpunkte zur Heilung? Gibt es kleine oder große, hier und jetzt gangbare Schritte, die wir tun können, um zur Heilung beizutragen? Und können irgendwelche Schritte überhaupt noch unsere Selbstvernichtung aufhalten, geschweige denn, uns ein wirklich lohnenswertes Leben bescheren?

 

Die Welt ist ein zusammenhängendes Ganzes. Eine kleine Weichenstellung kann eine große Wirkung haben. Der Flügelschlag eines Schmetterlings kann einen Hurrikan auslösen. Ebenso wie ein einziger Schuss in einem bis dahin unbekannten Ort namens Sarajevo einen ganzen Weltkrieg. Eine scheinbar unbedeutende Entscheidung kann ein morphogenetisches Feld erzeugen und eine Kettenreaktion in Gang setzen, an deren Ende vielleicht ein chinesischer Soldat in Tibet steht -- mit der möglichen Entscheidung, sich seinem Befehl zu widersetzen und nicht auf Demonstranten zu schießen. Mögen immer mehr Menschen aus der Welt immer mehr solcher tiefer Weichenstellungen in sich und in ihrem unmittelbaren Umfeld vollziehen.

Eine solche Weichenstellung ist für mich das, was Scott Peck „Community Building” - „Gemeinschaftsbildung” nennt.

 

Die 4 Phasen der Gemeinschaftsbildung

(aus dem Buch „Eine neue Ethik für die Welt” von Scott Peck)

„Das verbreitetste Anfangsstadium und einzige Stadium vieler Gemeinschaften, Gruppen und Organisationen ist das der Pseudo-gemeinschaft, ein Stadium der Vortäuschung und des Scheins. Die Gruppe tut so, als sei sie bereits eine Gemeinschaft, als gäbe es unter den Gruppenmitgliedern nur oberflächliche, individuelle Differenzen und kein Grund für Konflikte. Zur Aufrechterhaltung dieser Vortäuschung bedient man sich vor allem einer Anzahl unausgesprochener allgemeingültiger Verhaltensregeln, Manieren genannt: Wir sollen unser Bestes tun, um nichts zu sagen, was einen anderen Menschen verstören oder anfeinden könnte; wenn jemand anderes etwas sagt, das uns beleidigt oder schmerzliche Gefühle oder Erinnerungen in uns weckt, dann sollen wir so tun, als mache es uns nicht das geringste aus; und wenn Meinungsverschiedenheiten oder andere unangenehme Dinge auftauchen, dann sollten wir sofort das Thema wechseln.

Mit der Zeit können dann allmählich tiefgehende individuelle Differenzen auftreten, und die Gruppe begibt sich ins Stadium des Chaos und zerstört sich nicht selten selbst. Das geschieht darüber, dass Gruppenmitglieder versuchen, einander zu bekehren, zu heilen, auszuschalten oder ansonsten für vereinfachte organisatorische Regeln einzutreten. Es ist ein ärgerlicher und irritierender, gedankenloser, maschinengewehrmäßiger und oft lärmender Prozess, bei dem es nur um Sieger und Verlierer geht und der zu nichts führt. Wenn die Gruppe diese unerfreuliche Situation durchstehen kann, ohne sich selbst zu zerstören oder in die Pseudogemeinschaft zurückzufallen, dann tritt sie allmählich in die „Leere” ein. Dies ist ein Stadium sehr, sehr harter Arbeit, eine Zeit, in der die Mitglieder daran arbeiten, alles beiseite zu räumen, was zwischen ihnen und der Gemeinschaft steht. Und das ist eine Menge. Vieles von dem, was mit Integrität aufgegeben und geopfert werden muss, sind universell menschliche Eigenschaften: Vorurteile, vorschnelle Urteile, starre Erwartungen, der Wunsch zu bekehren, zu heilen oder auszuschalten, der Drang zu siegen, die Angst, sich zum Narren zu machen, das Bedürfnis, die Kontrolle über alles zu haben. Andere Dinge mögen ausgesprochen persönlicher Art sein: ein verborgener Kummer, Abscheu oder tiefe Angst vor etwas, die öffentlich eingestanden werden müssen, bevor das Individuum für die Gruppe völlig „präsent” sein kann. Es ist eine Zeit, die Risikobereitschaft und Mut verlangt, und wenn man sich auch oft erleichtert fühlt, so fühlt man sich doch oft auch sterbenselend.

Der Übergang von Chaos zur Leere dauert häufig qualvoll lange. Ein oder zwei Gruppenmitglieder gehen vielleicht das Risiko ein, ihre Seele bloßzulegen, nur um zu erleben, dass ein anderes, das den Schmerz nicht ertragen kann, plötzlich das Thema zu irgendetwas völlig Unsinnigem wechselt. Die Gruppe als Ganzes ist noch nicht offen genug, um wirklich zuzuhören. Sie fällt in das zeitweilige Chaos zurück. Schließlich aber wird sie doch so leer, dass eine Art Wunder geschehen kann.

An diesem Punkt spricht ein Mitglied sehr präzise und authentisch etwas an. Die Gruppe scheut nicht davor zurück, sondern sitzt schweigend da und nimmt alles in sich auf. Dann sagt ein zweites Mitglied ganz ruhig etwas ebenso Authentisches. Es handelt sich vielleicht nicht einmal um eine Antwort auf das erste Mitglied, aber man hat auch nicht das Gefühl, es ist ignoriert worden. Vielmehr herrscht eher die Empfindung vor, das zweite Mitglied sei vorgetreten und habe sich neben dem ersten auf den Altar gelegt. Wieder kehrt Stille ein, aus der heraus sich ein drittes Mitglied ebenso präzise und eloquent äußert. Die Gemeinschaft ist geboren. Der Wechsel zur Gemeinschaft tritt oft sehr plötzlich und dramatisch ein. Die Veränderung ist deutlich zu spüren. Ein Geist des Friedens durchdrängt den ganzen Raum. Es herrscht mehr Schweigen, doch es wird Bedeutungsvolleres gesagt. Es ist wie Musik. Die Menschen arbeiten mit einem präzisen Zeitgefühl zusammen, so als seien sie ein fein eingestimmtes Orchester unter der Leitung eines unsichtbaren himmlischen Dirigenten. Viele spüren tatsächlich die Anwesenheit Gottes im Raum. Handelt es sich um eine Gruppe vormaliger Fremder, die sich in einem öffentlichen Workshop versammelt haben, dann kann man eigentlich nichts weiter tun, als sich an diesem Geschenk freuen. Handelt es sich aber um eine Organisation, dann ist die Gemeinschaft nun bereit, sich oft mit phänomenaler Leistungsfähigkeit und Effektivität an die Arbeit zu machen, also Entscheidungen zu treffen, zu planen, zu verhandeln und so weiter.”

Es kommt vor, dass Gemeinschaften mit unglaublicher Schnelligkeit Konsens erreichen. Aber oft wird das nur nach langen Kämpfen geschafft. Die Tatsache, dass Gemeinschaft ein sicherer Ort ist, heißt noch nicht, dass es in einer Gemeinschaft keine Konflikte gibt. Es ist aber ein Ort, wo Konflikte ohne körperliches oder emotionales Blutvergießen ausgetragen werden, in Weisheit und Anmut. Ein Ort, wo mit Anmut gekämpft wird.

In einer echten Gemeinschaft ist Raum für alles was IST. Die Wahrheit all dessen was IST braucht Raum, um sich zu entfalten. In diesem Raum hat auch unsere Wut, da sie nicht länger „bis aufs Messer durch ständige Unterdrückung und Verdrängung gequält und „bis zur Weißglut angeheizt wird, ein ganz neues Gesicht: einfach sprudelnde, sprühende Lebendigkeit, die Feuer entfacht, um Schlacken verbrennen, oder ein reinigendes Gewitter.

 

Dies ist wesentlich, denn unsere Welt ächzt unter der Last zerstörerischer Konflikte, die kaum lösbar scheinen. Aber es gibt da eine Phantasie-vorstellung, die vereinfacht ausgedrückt heißt: „Wenn wir unsere Konflikte auflösen können, werden wir eines schönen Tages eine große Gemeinschaft sein." Könnte es sein, dass wir das Pferd von hinten aufgezäumt haben? Und dass es in Wahrheit heißen müsste: „Wenn wir in Gemeinschaft zusammenleben können, dann wird es uns auch eines Tages gelingen, unsere Konflikte beizulegen.“?

 

Ein Abend voller verletzendem Gerede,

Meine schlimmsten zurückgehaltenen Geheimnisse.

Alles hat mit Lieben und Nicht-Lieben zu tun.

Die Nacht wird vorübergehen.

Dann haben wir Arbeit zu verrichten."

(Rumi)


An diesen Wochenende im März 2008 bin ich, Petra, selbst Teil einer Gruppe, die zur Gemeinschaft werden will. Freitag abend. Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von etwa 25 Männern und Frauen. Wir kommen zusammen, um an diesem Wochenende zu erproben und erleben, wie es möglich ist, als Gruppe zu einem tiefen Gemeinschaftserlebnis miteinander zu kommen, in der nichts und niemand ausgeschlossen wird. Wir alle sehnen uns nach mitmenschlicher Nähe unter unseresgleichen, unter Menschen. Ein Grundbedürfnis, das in unserer heutigen Gesellschaft verzweifelt unerfüllt bleibt. Wir alle bringen neben dieser Sehnsucht auch viele Ängste mit, Nähe zu erlauben. Auch unterdrückte Trauer und Wut - eben all den Wust, den wir Menschen gewohnheitsmäßig mit uns herumschleppen, und der zwischen uns steht.

 

Das ist für mich der „private" Teil.  Darüber hinaus sind wir hier in dieser Gruppe in unserer Unterschiedlichkeit auch ein Spiegel für die ganze Menschheit, mit allen Mördern und Bösewichten, die unsere Welt in Angst und Schrecken versetzen, und ich weiß: Was zwischen uns hier an diesem Wochenende - oder in irgendeiner anderen Gruppe irgendwo woanders auf dem Erdball - gelingt, ebnet den Weg dafür, dass es zwischen allen Menschen gelingen kann. Deshalb haben wir auch die Chance, Weichen zu stellen. In dieser Zeit der wachsenden Globalisierung des mit-dem-Finger-auf-andere-zeigens (z.B. die sogenannten „Schurkenstaaten" auf der „Achse des Bösen") sehe ich darin mehr denn je unsere einzige Chance, als Menschheit weiterzuleben, und zwar in Freude und Liebe auf einem fruchtbaren, blühenden Planeten. Gemeinschaftsbildung ist Friedenstiftung und Versöhnung und hat auch globale Dringlichkeit.

Die immerzu gegenwärtige Bedrohung eines nuklearen Holocaust ist kein zufälliger, unliebsamer Zustand, hervorgerufen durch Kräfte, die jenseits unseres Einflusses liegen. Im Gegenteil, sie ist die direkte Folge unseres Unvermögens, gemeinschaftsfördernde Qualitäten wie inneres Leersein, Integrität und Verletzlichkeit zu erlauben. Doch unser Unvermögen kann verwandelt werden.“ (Scott Peck)

Es geht letztlich um das, was Andrew Cohen das „Höhere Wir“ nennt. Das gemeinsame, höhere Wir ist jener Augenblick der Erkenntnis, in dem wir uns individuell und gemeinsam als der Eine Ausdruck des Werdens erfahren, der wir gemeinsam sind.

 

Ausgestattet sind wir an diesem Wochenende mit einigen Kommunikations-empfehlungen (Sprich von dir, in der ich-Form, Folge deinen tiefsten Impulsen, schließe ein, dich selbst und andere, gehe ein Risiko ein, etwas Wahrhaftiges zu teilen, was in dir nach mitteilen drängt ... und andere), die uns helfen sollen, durch unsere Worte Nähe zu ermöglichen, anstatt, wie sonst zumeist, Abwehr, und mit einer Begleiterin und einem Begleiter, die uns für den Anfang immer mal wieder darauf hinweisen, wenn wir steckenbleiben und aus eigener Kraft nicht mehr weiterkommen. Die Begleiter gehören nicht zum Prozess, sie sind nur da, weil bisher niemand von uns Erfahrung mit dieser Art des Zusammenseins unter Menschen hat – die Methode ist so ausgerichtet, dass eine Gruppe von Menschen, die Erfahrung mit dieser Art des Zusammenseins haben, sich selbst zur Gemeinschaft organisiert, ohne Anleitung eines Außenstehenden. Scott Peck nennt es „a group of all leaders".

Wie? Indem jedes Mitglied der Gruppe, sofern ein tiefer Impuls dazu auftaucht, die Verantwortung dafür übernimmt, durch das, was sie oder er sagt oder nicht sagt, und wie sie es sagt, den Austausch in der Gruppe in größere Tiefe und Authentizität zu führen. Eine Kunst ist, zu lernen, einen wirklich tiefen Impuls von all den oberflächlicheren Impulsen in uns, die uns auf alles mögliche reagieren lassen wollen, zu unterscheiden. Und dann braucht es oft Mut, einem solchen Impuls, einmal erkannt, zu folgen. Für die, die immer leicht und schnell in Gruppen sprechen und gern zu allem ihren Senf dazugeben, ist die Übung meist eher, sich zurückzuhalten und zu spüren, wann der Impuls wirklich zum Wohl der Gruppe ist. Für die, die in Gruppen eher schweigsam und zurückhaltend sind, braucht es eher Wachheit, die Impulse überhaupt zu erspüren und dann natürlich Mut, ihnen zu folgen. Wirklich lebendig und beglückend wird das Gemeinschaftserlebnis, wenn jede(r) auf ihre tiefsten Impulse, zu sprechen oder zu schweigen, lauscht und ihnen wach und beherzt folgt. Dann entsteht ein ungeheuer lebendiges, magisches und erfüllendes Miteinander, in der die höhere Gruppenweisheit,  das Höhere Wir, das sich mal hier, mal dort ausdrückt, führt.

Die wesentlichen Kommunikationsempfehlungen sind also, wach für innere Bewegungen und Impulse zu bleiben, innerlich wirklich anwesend zu sein, auch wenn Knöpfe gedrückt werden, über sich selbst zu sprechen, keine Ratschläge und therapeutischen Hinweise zu geben, in der Regel nicht mal zu trösten, nicht auf Verstehen wollen zu beharren oder anderen ihre Wahrnehmungen absprechen und sich rechtfertigen. Den Mut haben, Risiken einzugehen. All diese Empfehlungen sind wichtig und gleichzeitig flexibel, denn manchmal erweist sich, dass gerade dadurch, dass jemand eine dieser Empfehlungen missachtet, tiefer Austausch oder Prozesse ermöglicht werden – das Leben ist eben nicht in Regeln zu zwängen. Sie stellen nur Erfahrungswerte da, die sich in einer Mehrzahl von Fällen bewährt haben.

Das Herausfordernde bei dieser Art, Menschen zu begegnen, ist für mich die Balance aus totaler Verantwortung und Hingabe: Ich habe die volle Mitverantwortung dafür, wenn ich ein Gruppenerlebnis der Nähe will, mich so einzubringen, dass Nähe möglich wird. Nähe wird möglich, wenn ich authentisch Wesentliches von mir einbringe. Und zwar dann, wenn es mich wirklich drängt, das zu tun, weil ich sonst nicht mehr wirklich hier sein kann, wenn ich weiter auf meinem inneren Aufruhr oder Glück sitzen bleibe, weil es jetzt geteilt werden will, ohne dass ich wissen kann oder muss, warum gerade jetzt und warum gerade dieses. Gleichzeitig habe ich keine Kontrolle darüber, ob jemand anders diese Nähe oder Möglichkeit zur Nähe, die sich gerade öffnet, wieder zerstört, indem er Ratschläge gibt, vielleicht sogar das verbale Messer zieht und über mich oder andere herfällt, mich umstimmen will oder ähnliches. Auch dann liegt die Verantwortung bei mir, wenn ich einen tiefen Impuls spüre, einzugreifen, es zu wagen. Wie, das ist nicht einfach. Eine Reaktion kann ebensogut nach hinten losgehen. Ein absichtliches, jedoch innerlich wütendes Ignorieren jedoch ebenso. Einmal bin ich so frustriert und verzweifelt, dass ich es einfach rausschreie und meine Reaktion auf so einen „Störenfried“ noch mehr Distanz schafft und die ganze Gruppe erst mal wieder in ein Chaos aus diskutierenden Streithähnen zurückfallen lässt – auch das ist erlaubt, bringt aber nicht wirklich was in Punkto Mitmenschlichkeit und Nähe.

 

Unseren bewussten und unbewussten Widerstand gegen das Lieben und Geliebtsein einbeziehen – das ist die große Herausforderung. Unser Widerstand äußert sich in Wut, Störungen aller Art, widersprechen, diskutieren wollen, theoretisieren wollen„aus dem Feld gehen“, nicht richtig DA sein ... Widerstand will, dass wir die Illusion des Getrenntseins aufrechterhalten, und er will es mit aller Macht, denn schmilzt die Illusion des Getrenntseins und macht der Wahrheit Platz, dass wir alle Eins sind, fürchten wir zu sterben – obwohl wir uns so nach Nähe sehnen, fürchten wir doch, wirkliches Nahsein sei unser Tod. Unser Ego-Tod ist es ja auch. Unseren Widerstand einbeziehen, bis er schmilzt ist der einzige Weg zu Nähe. Mit uns selbst, zu zweit, in Gemeinschaften. Das braucht Kraft und Mut, Spannung auszuhalten. So ein gestandener Widerstand, der lässt sich einfach wegtrösten oder wegmanipulieren, nicht wegverführen oder ignorieren. Liebe ist letztlich die einzig wahre Kraft im Universum, aber es nützt nicht, dem Widerstand davon zu reden, sie ihm anzupreisen. Oder gar zu versuchen, ihn in einer beschwichtigenden Umarmung zu ersticken. Er will seinen Raum und ernst genommen sein, solange er dauert. Wenn er nicht auf Widerstand trifft, erübrigt er sich irgendwann und schmilzt ...

Woran erkennen wir, dass wir angekommen sind am Seinsgrund jenseits all unseres Wustes? Dass wir gerade eine echte Gemeinschaft sind? Daran, dass Freude und Liebe fließen, dass wir unsere Verschiedenheit achten und stehenlassen und als Bereicherung erleben und gleichzeitig, wenn es um Entscheidungen geht, konsensfähig sind. In Gemeinschaften gibt es nur Konsens oder keinen Konsens, keine Basisdemokratie.

Es geht für jeden einzelnen Teilnehmer darum, und die Herausforderung für jeden einzelnen Teilnehmer ist, unterscheiden zu lernen, welche Worte Nähe schaffen und welche Distanz. Welcher Impuls zu reagieren aus dem Kopf kommt und Distanz schafft, welcher Nähe schafft – und manchmal das Risiko einzugehen, es wirklich nicht zu wissen, bevor man es ausdrückt! Deshalb lautet eine wesentliche Empfehlung auch: Hab Mut zum Risiko

An einer Stelle zum Beispiel führt die Tatsache, dass eine von uns, die uns gerade mit ihren ständigen für uns verworrenen Mitteilungen nervt, eine bestimmte Idee mitteilen will, die sie selbst für verdreht hält, dazu, dass ein Gruppengeheimnis ans Licht kommt – ihre Idee war gar nicht verdreht, sie hatte tatsächlich gespürt, was da war, und dadurch, dass sie wagte, es auszusprechen (eigentlich nur, um sich zu entleeren, also, um nicht länger darauf rumsitzen zu müssen), obwohl wir ihr in dem Augenblick nicht gerade gnädig waren, kam ein Geheimnis ans Licht und neue Nähe entstand.

Und selbst ein beharrlicher „Störenfried“ in der Gruppe, der immer wieder sein verbales Messer zieht und unvermittelt über jemand anders herfällt, setzt damit unerwartet so manches Mal lebendige und wesentliche Prozesse in Gang, die am Ende viele von uns berühren. Überhaupt grenzt es an ein Wunder, wie die Gruppe ihn immer wieder einbezieht. Er darf einfach da sein, auch wenn wir ihm zu verstehen geben, dass wir verletzt oder wütend über seine Eingaben sind oder ihn herausfordern.

Was genau tun wir eigentlich an diesem Wochenende? Wir sitzen im Kreis, stellen uns einander kurz vor. Das eine oder andere Paar ist unter uns. Wir haben weiter nichts zu tun als dazusein, keine Entscheidungen zu treffen, keine Konzepte zu entwerfen. Es gibt kein Thema des Abends, keinen Vortrag, keine Auflockerungs- oder Kennenlernübungen. Einfach nur dasein. Immer wieder auch in Stille. Stille ist eines der wesentlichsten Elemente unseres Zusammenseins. Möglichst wache Stille. Wenn gerade niemand sich einbringt, sind wir still.

Anfangs ist eher wenig Stille. Eines der Paare hat auf dem Weg hierhin gestritten und sogleich steht Wut im Raum, die den einen oder anderen von uns aufwühlt und aufstöbert. Ich sitze zwischen dem Paar, das gestritten hat, und als sie davon sprechen, spüre ich ein schwer erträgliches Aufgewühltsein im ganzen Körper. Am liebsten würde ich meinen Platz verlassen, wäre vielleicht auch in Ordnung, aber ich bleibe erst mal sitzen. Ängste kommen hoch, Anschuldigungen, Verletzungen, Rettungsversuche ... Zwischendurch, gerade bevor wir als Gruppe in allzu großes Angriffs- und Rechtfertigungschaos fallen, wünscht sich jemand Stille und die Hitze des Krieges verebbt ein Stück. Zunächst fragt noch jemand kampflustig: Muss ich gehorchen, wenn du dir Stille wünscht? Aber die meisten gehen jetzt gern einige Minuten in die Stille, so toll war unser Krieg nicht. Es geht in der Stille nicht darum, ihn zu verdecken, sondern darum, ihm den Zunder zu nehmen.

Nach und nach sickert ein, erleben immer wieder am eigenen Leib, wie schmerzhaft und verdreht dieses Miteinander kämpfen ist. Der eine oder andere von uns drückt es vielleicht aus. Wir können uns ja nicht mal zur Abwechslung in irgendwelche anderen Aktivitäten fliehen, wir haben ja nichts zu tun, wir könnten sogar wählen, hier zu sitzen und immer weiter kämpfen – aber sehr schnell erinnern wir uns, dass wir nicht gekommen sind, um zu kämpfen. Dass wir uns ein nährendes Wochenende gewünscht haben, jedenfalls die meisten von uns. Immer mehr von uns lassen das Kämpfen sein, auch angeregt durch unseren Begleiter, der uns, den Anfängern, Tipps gibt, worum es genau geht, wenn wir das Kämpfen loslassen wollen: Ratschläge vertiefen die Gräben zwischen uns, sich an anderer Beiträge „dranhängen“ nach dem Motto „So geht es mir auch“ nimmt dem Gesagten viel von seiner Kraft, uns trösten nimmt uns vielleicht die Würde, Verständnisfragen zerfasern die Energie und bringen uns alle wieder in den Kopf ...

Immer öfter hören wir auf zu kämpfen, und dann aber, bevor es friedlich wird zwischen uns, schlägt vielleicht doch noch mal jemand zu, lässt Wut und Frust in den Kreis fließen. Ein Schlag ins Gesicht für die, die gerade die Aussicht auf Frieden genießen. Und doch: Solange das Zerstörerische da ist, gehört es noch dazu. Jede von uns ist zwar frei zu sagen „Ich höre dir gerade nicht mehr zu“ oder ähnliches. Wir können auch schreien: „Halt die Klappe!“ – an einer Stelle tue ich es – allein: es bringt uns nicht näher zueinander, und Schweigen und verdauen ist manchmal die nährendere Lösung.

Immerhin sind wir am Sonntag vormittag soweit, dass wir über Stunden hinweg immer wieder in Stille fallen, wenn eine(r) von uns sich mitgeteilt hat. Gleich-gültig, ob das, was mitgeteilt wurde, die Nähe vertieft oder verflacht. Fast alles darf so stehen bleiben, wie es ist, einfach so. Die Stille trägt uns immer wieder, alles, was mitgeteilt und geteilt wird, fällt einfach in sie hinein, manchmal kräuseln sich die Wellen, wenn die Sprecherin schweigt, gespannte Erwartung dann vielleicht: Wird jemand darauf reagieren? Alles darf ja sein.

In diesem wachsenden Meer aus gemeinsamer Stille spüre ich im Augenblick weder Glück noch Freude, aber eine Ahnung davon, wie es ist, wenn in Gemeinschaft jede einfach so sein darf, wie sie ist und wenn alles, was ausgedrückt oder geteilt wird, einfach so stehen bleiben darf, wie es ist. Die Stille ist nicht dazu da, dass wir sie füllen, sondern dazu, uns zu nähren, den Raum zu geben, den das, was durch uns kommen will, braucht. Wenn nicht durch uns, bleibt er offen für etwas anders, das gerade Raum braucht. Bevor der Wust durchwatet ist, ist der Raum offen für alles, was in uns sich entleeren will. Heute morgen, am Sonntag, kurz vor Ende, ist es meist das, was wir in die Stille geben: Dinge, die uns auf dem Herzen liegen und auf der Seele. Wir sind noch im Stadium der Entleerung.

Es ist gut, einfach in Stille miteinander zu sein. Es ist gut, die Kraft zu spüren, die darin liegt, dass alles, was in diese Stille hineinfällt an Ausdruck, einfach dort hinfallen darf. Anders als in einer Gruppe Meditierender, in der jede für sich allein bleibt mit allem, was aufsteigt, erlauben wir uns hier bewusst, einander Spiegel, Projektionsfläche und Knopfdrücker zu sein und das, was bei jedem aufsteigt, zu zeigen und sehen und hören zu lassen, zumindest einen großen Teil davon, den wir anonsten in einer Gruppe so gut wie möglich versteckt gehalten, also unterdrückt hätten. Wir müssen uns gegenseitig nicht einmal besonders mögen, um diesen Raum an Akzeptanz miteinander zu teilen. Und oft verwandelt sich darin ein anfängliches Ablehnen sogar in Anziehung oder umgekehrt, aber das ist nicht ausschlaggebend dafür, auf diese Art in Gemeinschaft zu sein.

Trotz des erwachenden Friedens spüre ich noch meine Erschöpfung über alles, was gestern an Zerreißproben und quälendem Hin und Her war, meine Trauer darüber, wie tief der Wust zwischen uns ist, auch Erschöpfung angesichts dessen, was in mir manchmal an Widerständen und Beurteilungen vorgeht, wenn ich die anderen heute morgen höre. Die Trauer über all das Urteilen in mir. In der Mittagspause finde ich draußen einige Bäume und lehne mich erleichtert an. Wieviel einfacher und nährender ist es für mich, mit Bäumen zusammen zu sein! Und doch: Ich will auch das Zusammensein mit Menschen leben, ich will gemeinsam mit Menschen genießen und schöpferisch sein. Jenseits der Trauer und Erschöpfung eine Ahnung von der Anmut und Gnade des Tanzes, der sich entfaltet, wenn wir noch tiefer gehen können als heute morgen; eine Ahnung, dass schon heute morgen schiere Gnade für uns ist, bei aller Unvollkommenheit, die sich immer noch zeigt. Wir sind auf dem Weg.

Eine andere wesentliche Erfahrung für mich ist, dass das meiste, wovon ich oder irgendjemand genervt ist, jemand anderen wiederum zutiefst berührt – auf jeden Topf passt anscheinend wirklich ein Deckel, wir dürfen vollkommen verschieden sein, und niemand muss sich verletzt in ein Schneckenhaus zurückziehen, weil jemand zum Ausdruck bringt, abgestoßen oder genervt zu sein. Es gibt fast immer andere, die ebenso berührt sind wie der erste genervt.

Das Wochenende erweist sich für uns als zu kurz, um als Gemeinschaft zu Freude, gegenseitigem Vertrauen und Respekt zu finden. Einige von uns empfinden das am Ende so oder ähnlich, aber lange nicht alle. Das größte Geschenk für mich ist, dass ich zum ersten Mal unter meiner Wut über unsere menschliche Verdrehtheit, die uns an Nähe hindert, meine Trauer, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit, vor allem meine Trauer spüre. Trauer darüber, wie weit wir davon entfernt sind, eine liebende und schöpferische Gemeinschaft zu sein, in der jede so sein darf und willkommen ist, wie sie ist. Das lässt mich am Ende dann plötzlich rasch fliehen, ich bin froh, als das Seminar beendet wird, will auch kein Abschlussritual mehr. Ich bin einfach traurig und will damit allein sein, denn ich teile meine Trauer nicht gern mit anderen, und auch hier will ich es nicht. Das heißt, der Raum ist noch lange nicht sicher genug. Und trotzdem ist es ein Geschenk, endlich anstatt der Leere diese Trauer zu spüren.

 

Der Prozess der Gemeinschaftsbildung nach Scott Peck ist offensichtlich ein lohnender Weg, den Wust zu erlösen, der zwischen uns Menschen steht, ihn zu spüren, erleben, erlauben, durch ihn hindurch zu waten und ihn dadurch so zu lichten, dass er irgendwann kein störender Wust mehr ist, sondern ins Fließen kommt und sich in Achtung und Vertrauen verwandelt. "Entleerung" ist ein wesentlicher Aspekt: Die Empfehlungen für die Kommunikation in einer Gruppe von Menschen sind so gehalten, dass sie uns erlauben, uns nach und nach von diesem Wust zu entleeren, indem wir alles, was uns auf der Seele liegt, ausdrücken, ohne dass jemand es kommentiert, uns Ratschläge gibt, dagegen oder dafür etwas sagt, darüber diskutiert – all das, was wir im Alltag reflexhaft tun und womit wir uns in einen ewigen Krieg aus Worten verwickeln, der beharrlich Nähe verhindert und jede Gemeinschaft letztlich zerstört.

 

Siehe auch mein Buch zum Thema

 

©  2008 Petra Mecklenburg (überarbeitet Oktober 2010)

 

P.S. Im Sommer 2009 geben mir fünf Tage mit Adriaan Bertens und Liesbeth Wolff als Begleiter (und vierzehn anderen Teilnehmern, von denen die meisten bereits Erfahrung mit CB haben) einen ganz neuen, frischen Fokus für Gemeinschaftsbildung. Unter der Überschrift Metanoia – Umkehr – erleben wir, wie es sich anfühlt, mit der Frage: Befreit es die Seele? Befreit das, was ich im CB (und letztlich auch sonst) sage, zeige, ausdrücke, die Seele? Ist es frisch? Lebendig?als Fokus zum CB zusammen-zukommen. Ein Satz von Liesbeth ist: Immer in die Schönheit von ein leeres Haupt, warmes Herz und volles Bauch.

In welchem Geist kommen wir zum CB zusammen? Sind wir eine group of problems (Problemgruppe) oder eine group of possibilities (Möglichkeitengruppe)? Wollen wir eine Gruppe sein, in der Schmerzen geteilt, oder eine, in der Möglichkeiten erkundet werden? Neue, aufstöbernde, berührende Möglichkeiten, Seele zu befreien, zu leben, auszudrücken? Immer wieder neu, frisch, lebendig, alles Überkommene auf den Kopf stellend.

Wagen, was wir bisher vermieden haben, aus Angst, anzuecken, verstoßen zu werden, nicht dazuzugehören. Wagen begeistert zu spielen, zu erlauben, was ans Licht will. Langeweile? Was will ES denn in mir, wenn ich mich langweile? ES, das Leben, die LIEBE. Was sehnt sich da in mir? Will's singen? Oder dichten? Meine Kraft erleben, und dabei die Angst vor Gewalt in den Wind schlagen!? Rangeln und schubsen, einfach nur so, weil's Spaß macht? Will es Begeisterung teilen, tanzen, schweigen aus den Tiefen „unserer“ Seelen heraus? Bäume umarmen oder mit Vögeln sprechen? Die eigene Tiefe und Schönheit erleben und uns erschüttern lassen, jenseits von Worten?

Einander Fragen stellen – für mich bisher ein umstrittenes Thema. Ich mag es ja nicht, wenn ich etwas mitteile und jemand mir Nachfragen dazu stellt, mehr wissen will von mir, als ich spontan geteilt habe. Mehr Hintergrundinformationen, um mich besser zu verstehen ... Eine meiner Lieblingsempfehlungen beim CB ist ja bisher: Vermeide es, anderen Fragen zu stellen“.

Nun lerne ich eine Art von Nachfragen kennen, die einen neuen Fokus hat: Was will Seele in dir? Wenn du dich gerade langweilst, heißt das ja, dass Wesentliches in dir sich nicht ausdrücken darf – das Wesentlichste ist Seele. Also was will Seele durch dich?

Bleiben oder gehen, wenn's ungemütlich wird? Kein Zusammenbleiben um jeden Preis. Was ist die Botschaft unseres Ungemütlichfühlens, unserer körperlichen Schmerzen vielleicht sogar? Befreit Bleiben die Seele oder hält es sie gefangen? Wenn's sie gefangen hält, wenn mein Körper rebelliert, dann geh ich – Zusammensein, das nicht die Seele befreit, das haben wir schon genug gelebt.

Gemeinschaft, die entsteht, wenn wir in diesem Geist zusammen sind, ist leicht und frei, reich und tief und nachhaltig. Macht mir Lust auf mehr, auf Weitergeh'n, nach außen ragen, in die Welt.

Macht also, was wir tun die Seele frei? Wenn ja, dann ist es gut, was immer es ist. Das Wagnis bleibt, im Vorhinein, bevor wir etwas ausdrücken, nicht sicher zu wissen, ob wir einem Impuls der Seele folgen oder einem Impuls des Ego. Wach bleiben, die wesentliche Frage (Befreit es die Seele?) in den Vordergrund stellen, unseren Impulsen vertrauen und durch Feedback von den anderen lernen und üben, die Spur zu finden, die Seele befreit – eben mitten hinein in die Schönheit von ein leeres Haupt, ein warmes Herz und ein volles Bauch!

 

Petra Mecklenburg

August 2009

 

                     siehe auch: http://www.wahrhaftig-kommunizieren.de/