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Unschuld und Verantwortung

Auszug aus meinem BuchTor zum Leben

 

Es genügt nicht, auf die Opfer und die Täter zu schauen oder beides. Beide sind eingebunden in eine Macht, die hinter ihnen steht und durch sie wirkt. Erst wenn diese Macht ins Spiel kommt, sind Liebe und Frieden für die Lebenden möglich.“

Wie finde ich innerlich Ruhe? Wenn ich mich neben die Mörder stelle als einer von ihnen. Wenn ich eingestehe: Wir sind uns im Innersten ähnlich und gleich. Dann brauche ich mich nicht mehr zu wehren, nicht mehr so zu tun, als ob ich anders oder besser wäre.“

(Bert Hellinger)

 

Das sind radikale Sätze, die Gabriela gleichzeitig erschrecken und trösten. „Wow, ich hätte nicht den Mut, so etwas öffentlich zu schreiben,“ denkt sie. Aber sie begreift auch: Nur mit dieser inneren Haltung ist es möglich, andere Leben anzuschauen, in denen wir Täter waren, oder unser Täter-Sein in diesem Leben, und uns trotzdem zu lieben. Nur so ist es möglich, die anderen, die Täter sind, nicht zu verurteilen. Nur so ist es möglich, zu allem was ist, JA zu sagen, jenseits unserer gewohnten Einteilung in gut und böse. Und nur dieses JA lässt die Liebe frei fließen, führt zur Heilung des menschlichen Zerrissenseins und beendet alle Kriege.

Klar, einem Täter, den wir verstoßen und verdammen, und damit nicht eingestehen, dass wir selber Täter sind, wird es ja unnötig schwer gemacht, zu bereuen,“ denkt Gabriela. Woher weiß sie das plötzlich so sicher? Bisher hat sie niemals über solche Dinge nachgedacht – und jetzt ist dieses Wissen und die Erkenntnis einfach da, wie aus dem Nichts! Was ist es denn am Urteil, das die Reue verhindert? Darauf hat sie keine Antwort, aber sie fragt Karl, der gerade mit einem Tablett ins Zimmer kommt.

Moment mal,“ sagt Karl. „Lass mich erst mal das hier abstellen. Und dann sag mir erst mal, wo du gerade in Gedanken steckst, denn so aus dem Stehgreif kann ich dir jetzt nicht folgen!“

Gabriela zeigt ihm die Stellen im Buch und erzählt ihm, was sie soeben gedacht hat. „Hm, das ist eine gute Frage,“ sagt Karl. „Was ist es am Urteil, das die Reue verhindert, oder zumindest erschwert? Nimm erst mal einen Tee, dann denkt es sich leichter!“ Als sie es sich mit Tee und Keksen gemütlich gemacht haben, sagt er: „Ich habe eine Ahnung, was es sein könnte. Tief im Innern weiß ein Täter ja, dass wir nicht besser sind als er, und nimmt es uns übel, dass wir so tun, als sei er böse und wir gut.“

Ja, das stimmt, und jetzt fällt mir noch etwas anderes dazu ein,“ spinnt Gabriela den Faden weiter: „Wenn wir uns nämlich anmaßen, über ihn zu richten und uns damit über ihn stellen, hat er nur zwei Möglichkeiten: Sich selber ebenso zu verurteilen, wie wir es tun, und „zuzugeben“ dass er schlecht ist und wir gut. Damit stimmt er uns zwar gnädig und hält die herrschenden Spielregeln ein, verrät aber sich selbst und spricht das Todesurteil über seine Würde als Mensch, denn in Wahrheit sind wir alle gleich menschlich, keiner besser und keiner schlechter als der andere.“

Ja,“ sagt Karl, „und im tiefsten Innern wissen wir das alle, aber jeder von uns verdrängt dieses Wissen, die einen mehr, die anderen weniger. Das Wissen verschwindet aber nicht dadurch, dass wir es verdrängen. Es schimmert durch, wenn auch fast bis zur Unkenntlichkeit entstellt, und äußert sich in vagen Schuldgefühlen, die viele Menschen insgeheim hegen. Die führen dann dazu, dass sie sich unbewusst bestrafen wollen und das ebenso unbewusst auch tun. Weißt du was? Ich glaube fast, das kirchliche Dogma, wir seien alle Sünder, ist nichts als Ausdruck dieses vagen Schuldgefühls! Die Wahrheit ist ja, dass wir alle gleich wertvoll sind, jenseits von gut und böse, und nicht, dass wir alle Sünder sind. Die einzige Sünde, die wir jemals auf uns laden, wenn überhaupt, ist, dass wir uns anmaßen, über einander zu richten – und insgeheim auch über uns selbst – nicht, dass wir auch Täter sind!“

Wow, ja, das stimmt! So habe ich es noch nie gesehen!“ Gabriela nimmt einen Schluck Tee und fühlt sich ganz und gar lebendig. „Ich liebe diese Gespräche mit dir,“ sagt sie und isst ein paar Kekse. „Hm, die sind lecker! Wo hast du die her?“ Dann erinnert sie sich, dass sie ihren eigenen Gedanken noch nicht zu Ende geführt hat. „Bevor ich ihn verliere, will ich noch meinen Faden von eben weiterspinnen, den über die zwei Möglichkeiten, die ein Täter hat, wenn wir ihn verurteilen und uns über ihn stellen.“

Schieß los,“ sagt Karl. „Ich höre zu.“

Okay, lass mich sehen, ob ich alles auf die Reihe bekomme, was mir gerade im Kopf herumschwirrt: Die andere Möglichkeit, die er hat ist, seinen letzten Rest von Selbstachtung zu wahren und so zu tun, als mache ihm unser Urteil nichts aus. Dazu muss er aber sein Herz verschließen, auch vor dem, was er getan hat, und damit wird ihm Reue unmöglich. Wahre Reue kann nur entstehen, wenn ich anschaue, was ich getan habe, und den zugefügten Schmerz spüre. Wenn ich das tue, und es geht nur, wenn mein Herz offen ist, fließt Reue ganz von allein. Und in der Reue fühle ich mich nicht mehr böse, Reue ist jenseits von Urteil, auch von Selbstverurteilung. Und: Reue ist die einzige Möglichkeit zur Heilung, denn das Fließen der Reue ist gleichzeitig das Fließen von Liebe. “

Als sie später zu Hause in ihrem Bett liegt, erinnert sich Gabriela an Ereignisse aus ihrem Leben, wo sie von ihren Eltern oder später von anderen verurteilt wurde oder sich verurteilt fühlte, und an den Trotz, den sie dann spürte, an das schmerzhafte Verschließen ihres Herzens, um sich zu schützen. „Vielleicht,“ denkt Gabriela, „liegt es an der Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies, dass es unsere größte Angst ist, verstoßen, also nicht geliebt zu werden, oder vielleicht ist es ja auch umgekehrt: Die Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies spiegelt einfach wieder, dass unsere größte Angst genau das ist: Aus dem Paradies vertrieben zu werden. Und das Paradies ist da, wo wir lieben und geliebt werden. Früher, als die Menschen noch in kleinen Gruppen zusammenlebten, war ja verstoßen werden eine Strafe, die der Todesstrafe gleich kam. Denn außerhalb der Gemeinschaft gab es meist kein Überleben.“

Damit schläft sie ein, seltsam getröstet von all den neuen Erkenntnissen. Im Traum verschiebt sie in dieser Nacht eigenartige geometrische Gebilde, die alle düster gefärbt und sämtlich um ein Vielfaches größer sind als sie, in einem engen Raum. Sie hat dabei keinen Plan, sondern schiebt einfach und wundert sich, wie leicht es ist, diese riesigen Gebilde zu verschieben. Es macht sogar Spaß! Je mehr Spaß es ihr macht, desto weiter wird der Raum, und auch die Farben der Gebilde verändern sich, werden heller, lichter. Bis sie schließlich beginnen, sich ganz von selbst zu verschieben! Nein, eigentlich tanzen sie miteinander, und Gabriela lässt vom Schieben ab und schaut zu. Im Traum erscheint es ihr als ein Tanz von vollendeter Schönheit, sie ist richtig ergriffen von dem anmutigen Zusammenspiel dieser riesigen Gebilde, die mittlerweile in allen Regenbogenfarben leuchten. Es kommt ihr vor, als habe sie niemals etwas so Schönes gesehen! Beim Aufwachen ist dieses Gefühl von Ergriffenheit und Ehrfurcht angesichts der Schönheit, die sie im Traum erlebt hat, noch ganz präsent in ihr. Es begleitet sie sogar auf ihrem Weg zur Arbeit, bevor es sich wieder verliert.

© Petra Mecklenburg 2006

 

Unsere Angst, schuldig zu sein, und die Gleichsetzung von Schuld und Verantwortung hindern uns, Verantwortung zu übernehmen. Weil wir fälschlicherweise glauben, Verantwortung hänge mit Schuld zusammen, lehnen wir Verantwortung ebenso ängstlich ab wie Schuld.

Verantwortlich sind wir für alles, was wir durch unser denken, sagen und tun bewusst oder unbewusst in die Welt bringen, „ins Rollen bringen“. Es heißt einfach, für das, was wir ins Rollen bringen, einzustehen, uns um die Folgen kümmern, fühlen was zu fühlen ist im Zusammenhang damit, bereuen was zu bereuen ist, auszugleichen was auszugleichen ist, lernen was daraus zu lernen ist ...

 

Wirklich Verantwortung übernehmen können wir nur, wenn wir unsere grundlegende und bedingungslose Unschuld erkennen und erlauben.


© Petra Mecklenburg 2008

 

Zu diesem Thema gibt es auch einen Text von Dolores Richter zum Download auf der Seite kreacom unter der Überschrift Vom inneren Wachstum zum Wirken in der Welt, oder direkt hier