Wachsende Bewusstheit (Essays, Lyrik)
Eine andere Welt ist möglich (Links)
InfoWust
„Im Internet findest du alles!“
winkt verächtlich eine Freundin ab, als ich ihr von Verdachtsmomenten an der Glaubwürdigkeit offizieller Stellen erzähle, für die ich Hinweise im Internet gefunden habe.
Recht hat sie – ganz gleich um welches Thema es geht, ganz gleich wofür oder wogegen wir Nachweise oder Beweise suchen: Im Internet finden wir alles, einfach alles an Pro und Contra und Widersprüchlichem zu jedem Thema, und nirgendwo gibt es zweifelsfreie Beweise dafür, was denn nun wahr ist. Ein Freund, der als Redakteur arbeitet, erzählt mir, dass auch Journalisten in der Regel nicht mehr persönlich recherchieren – wie sollten sie auch bei der Flut von Meldungen, die sie jeden Tag über den Tisch bringen müssen ...
Egal ob es um Homöopathie und Schulmedizin, die Schädlichkeit bestimmter Stoffe, die Heilsamkeit bestimmter Medikamente, um die Verantwortlichen des 11. September, um die Gefährlichkeit von Seuchen und Epidemien geht, um geplante oder erfolgte Terroranschläge, um umstrittende geschichtliche Hergänge – es ist nicht eindeutig festzustellen, wo die Wahrheit liegt.
Es ist wie einer dieser ZEN Koans: Jeder Versuch, einwandfrei und schlüssig anhand der verfügbaren Informationen (und das sind im Internet oft eine ganze Menge) festzustellen, was denn nun wirklich Sache ist, führt in ein verzwicktes und zutiefst verwirrendes Labyrinth aus Widersprüchen, die am Ende nur den Verstand zu sprengen scheinen und uns resigniert zu etwas anderem übergehen lässt.
Wie können wir uns da Meinungen oder einen Standpunkt bilden, von dem aus wir fundiert informiert über das, was wirklich vorgeht, die Entscheidungen treffen können, die im Laufe unseres Lebens so anstehen?
Viele Menschen bilden sich lieber gar keine Meinung mehr, oder kommen eben zu der Meinung, dass es besser ist, sich ausschließlich ums eigene Privatleben zu kümmern.
Viele Menschen gehen nicht einmal mehr zur Wahl – teils weil fundierte Meinungsbildung schier unmöglich erscheint; teils weil die Meinung, eine bestimmte Partei vertrete ihre Interessen, sich im Nachhinein wegen der Wahllügen oft als Illusion herausstellt; teils weil sie der Meinung sind, dass ohnehin keine der antretenden Parteien es wirklich verdient, zu regieren ...
Eine starre Meinung zu haben ist dem Leben noch nie gerecht geworden, aber mehr denn je können wir uns nur vorläufige Meinungen bilden, die wir immer in einer gewissen Schwebe halten müssen. Im Grunde ist das gar nicht so weit weg von dem, was schon immer als common sense galt: als aufgeklärte, mündige, hinterfragende und lebenskluge Art und Weise, sich Meinungen zu bilden.
Auf jeden Fall müssen wir uns darüber im Klaren sein, dass unsere Meinungen und Standpunkte sich nur auf einen eher geringen Teil an verlässlichen Information und Wissen einerseits und einer gehörigen Portion Glauben andererseits gründen können. Wissenschaftsgläubigkeit ist auch nur ein Glaube, und in einem Zeitalter, wo so gut wie jedes wissenschaftliche Gutachten von großen Geldgebern aus der Wirtschaft gesponsort oder politisch motiviert wird, wirklich nicht viel wert (ein aktuelles Beispiel macht gerade die Runde: das Gutachten damals über die Sicherheit des Salzstocks in Gorleben, das aus politischen Gründen frisiert wurde).
Wo finde ich denn dann Hinweise, was ich glauben kann und was nicht? Nur immer den Kopf in den Sand stecken will ich ja auch nicht. Ich will schon möglichst wissen, was wirklich so abgeht, hinter den Kulissen. Soweit es halt geht.
Meine Entscheidung, welcher von zwei sich widersprechenden Seiten ich mehr glaube, hat mit Vertrauen zu tun – welche Seite erweckt mehr Vertrauen in mir, erscheint mir glaubwürdiger?
Um herauszufinden, welche Seite ich glaubwürdig(er) finde, muss ich mir aus dem unglaublichen Wust von Informationen, die mich in Form von Bildern, Schriften, Tönen überflutet, oder die ich im Internet finden kann, so weit irgend möglich etwas Wesentliches heraussuchen, das ich zweifelsfrei mit eigenen Sinnen wahrnehmen kann. Nicht immer geht das, dann stehe ich ziemlich auf dem Schlauch. Wenn es geht, ist es der beste Ausgangspunkt.
Zum Beispiel in der Diskussion darüber, ob der 11. September durch Terroristen oder höchste amerikanische Stellen selbst verübt wurde: Wie orientiere ich mich da in der wahren Flut von Einzelheiten, die es anzuschauen und einzubeziehen und gegeneinander abzuwägen gälte?
Eine erste Orientierung, die wir alle haben, so als hätten wir es mit eigenen Augen gesehen, sind die Bilder von den kollabierenden Türmen. Diese Bilder hat die ganze Welt gesehen und es sind immer dieselben geblieben.
Zwar habe ich im ersten Augenblick der Überraschung und des Schocks gar nicht so darauf geachtet, aber wenn ich diese Bilder nun wachen Sinnes anschaue, ist für mich offensichtlich, dass sie einer Sprengung zum Verwechseln ähnlich sind und dass ich mir nicht vorstellen kann, wie zwei so hohe und stabile Gebäude, die im eher oberen Teil von einem Flugzeug getroffen werden, sogleich und in so kurzer Zeit so sauber pulverisiert von unten nach oben in sich zusammenfallen können.
Was sind die wenigen gesicherten Informationen, die sich für mich gerade zur Schweinegrippe auftun?
Die Art, in den Medien zu warnen, ähnelt der von Milzbrand und SARS, ebenso den Vorhersagen nach dem 11. September, Europa würde nunmehr von einer Welle von Terroranschlägen überzogen werden – nichts von all dem ist in wirklich beängstigendem Ausmaß eingetreten.
Das kann ich jetzt aus eigener Anschauung wissen.
Und: Niemand den ich kenne, ist überhaupt bisher an Schweinegrippe erkrankt, ich kenne auch niemanden, der jemand kennt, der an Schweinegrippe erkrankt ist, es hat offensichtlich auch diesmal einfach keine Epidemie stattgefunden. (Und mittlerweile decken sich ja selbst Medienberichte mit meiner Wahrnehmung, dass Schweinegrippe kein gesundheitliches Problem darstellt. Es scheint sie zwar zu geben – sie ist aber offensichtlich einfach auch nur eine weitere Grippe, und mehr nicht.)
Auch Vergleichsfragen helfen mir manchmal weiter, eine Richtung zu finden, in der meine vorläufige Meinung liegen könnte. Zum Beispiel:
Warum ist die Art der Berichterstattung in den offiziellen Medien so platziert, formuliert und abgefasst, dass viel und massenhaft Panik aufkommen kann, wenn es um befürchtete gefährliche Seuchen und Terroranschläge geht, und so, dass gar keine Massenpanik aufkommt, wenn es um andere offensichtlich vergleichbar gefährliche Dinge wie Handystrahlung und die Sicherheit des Endlagers in Gorleben geht?
Warum werden wir nicht mal eine Zeitlang Tag für Tag mit Schlagzeilen auf der Titelseite bombardiert wie:
„Ungeliebter Bundeskanzler lügt – und setzt Wohl der Bevölkerung aufs Spiel!“
„Wann wird der Salzstock nachgeben? Wie lange sind wir überhaupt noch sicher?“
"Profit geht über Unversehrtheit - wohin soll das führen?!!"
„Endlagerbetrug – was wird aus unseren Kindern und Kindeskindern?!“
„Nun ist es heraus: Handystrahlung macht unfruchtbar – unsere Kinder in Gefahr!“
„Sendemast auf dem Dach macht Mieter krank!“
Nicht dass ich Panik förderlich finde, aber es geht schließlich in allen genannten Fällen um unser Leben und unsere Gesundheit – warum dann unterschiedliche Arten von Berichterstattung?
Was ist bei dieser Gewichtung von Berichterstattung in den letzten Jahren herausgekommen? Verschärfte Kontrollen und Eingriffe in unser aller Bewegungsfreiheit und Privatsphäre. Finde ich das gut? Oder beruhigend? Fühle ich mich dadurch sicherer???
Wie vertrauenerweckend ist es, dass wir in einem so gesundheits- und sicherheitsrelevanten Thema wie der Sicherheit der Endlagerungsstätte in Gorleben einfach platt und schlicht von höchster Stelle belogen wurden? Und wie vertrauenerweckend ist der Aufwand, der jetzt betrieben wird, uns vor den Gefahren, die sich aus dieser Lüge ergeben, zu schützen?
Oktober 2009