Wachsende Bewusstheit (Essays, Lyrik)
Eine andere Welt ist möglich (Links)
Frieden im Heiligen Land
- Abraham, der Holocaust und der Nahostkonflikt
„Uralter Wust ist zwischen Mensch und Mensch gehäuft. (...)
Mitunter tappen die Menschen im bangen Rausch aufeinan-
der zu – und verfehlen sich, denn der Mulmhaufen ist zwischen
ihnen. Räumt ihn weg, du und du und du! Stellt Unmittelbar-
keit, aus dem Sinn formende, ehrfürchtige, keusche
Unmittelbarkeit zwischen den Menschen her! - Du sollst
dich nicht vorenthalten.“
- Martin Buber, aus „Was ist zu tun?“
Als Deutsche öffentlich über das jüdisch-deutsche Verhältnis zu sprechen oder schreiben heißt, in diesem Wust zu waten. Normalerweise versuchen wir, ihn zu umgehen, ihn weder anzusehen noch zu berühren noch zu benennen. Nach über sechzig Jahren ist das Trauma des Holocaust noch immer unerlöst. Das an sich ist bereits lähmend genug – hinzu kommt jedoch, dass alles Ungelöste zwischen Deutschen und Juden auch im Nahostkonflikt mitschwingt und damit die Heilung des Holocaust-Traumas ein Aspekt des ersehnten Friedens im Heiligen Land ist. Eine noch viel ältere Wurzel des Krieges zwischen Palästinensern und Israelis sehe ich in einem Eifersuchtskonflikt und Bruderzwist aus den Anfängen biblischer Geschichte.
Der Text ist in zwei Teile gegliedert. Im ersten Teil, „Das jüdisch-deutsche Trauma“, schildere ich, wie es für mich ist, als Deutsche mit dem immer noch weitgehend verdrängten Erbe des Holocaust zu leben. Im zweiten Teil geht es um offene Fragen und neue Wege.
I. Das jüdisch-deutsche Trauma
Seit ich zum ersten Mal bewusst mit jüdischen Menschen in Berührung kam, bin ich in diesem Mulmhaufen wieder und wieder in ein Chaos aus widerstreitenden Gefühlen, unausgesprochenen Erwartungen, Hemmungen und Ängsten gefallen. Habe unter den Tabus, innerem Aufbegehren, Schuldgefühlen, dem Maulkorb gelitten. Fühlte mich zum Jüdischen gleichzeitig hingezogen und von ihm abgestoßen oder romantisierend wehmütig berührt. Konnte die ohnmächtige Wut der Juden über die zugefügten Verletzungen verstehen und war gleichzeitig wütend über das immer wiederkehrende Erwecken des Eindrucks, Deutsche seien die allereinzigen Täter im Holocaust gewesen, und über das allgegenwärtige, gebetsmühlenhafte und wutgeladene Etikett des Antisemitismus bei Äußerungen, die für mich einfach nur der Wahrheit entsprachen. Die Wahrheit, wie ich sie gerade sehe und empfinde, sagen zu dürfen, das in Worte zu fassen und auszudrücken, was mir auf dem Herzen und der Seele liegt, ist für mich Freude, es herunterzuschlucken Depression. Lebendigsein heißt, uns nicht vorzuenthalten, uns einzubringen mit dem, was in uns wahrhaft nach Ausdruck drängt. Deshalb streben wir nach Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit und den anderen Freiheiten, die für wirkliches Lebendigsein Voraussetzung sind.
Mit all dem Mulm und Wust konnte ich zwar das Dilemma, in dem wir alle leben, verstehen, aber keine Liebe in mir finden, weder zu den deutschen Tätern, die meine Vorfahren sind, noch zu den jüdischen Opfern, welche die Kultur, aus der ich stamme, mitgeprägt haben. So blieb ich wie viele Deutsche von meinen familiären und kulturellen Wurzeln abgeschnitten. Mit meinen widersprüchlichen Gefühlen lebte ich in einem Krampf, der seit Jahrzehnten das deutsche Erleben prägt.
In meiner jetzigen Heimat Altona (Stadtteil von Hamburg) steht in einiger Entfernung vor dem Rathaus im Park ein jüdisches Mahnmal: ein etwa 3-4 m langer, etwa 2 Meter hoher und breiter, wuchtiger glatter, schwarzer Block aus Stein. Hier fließt nichts mehr, weder Tränen noch Gefühle. Alles ist erstarrt. So mag es anfangs gewesen sein, aber was hilft es uns, was heilt es, wenn es so bleibt, verewigt durch diesen Block? Für mich symbolisiert dieser unzugängliche Block, ein Fremdkörper im Park, sehr gut den Stand der Integration unserer Vergangenheit: Alles erstarrt. Nichts mehr von Lebendigkeit. Da ist etwas vollkommen unverdaut, da ist nichts geschehen an Integration und auch nichts zu machen, solange diese „block“ierte Energie nicht ins Fließen kommt. Fließen bedeutet Gefühle erleben – Trauer, Wut, Reue, Verzweiflung – und Tränen fließen lassen. Die Toten sind tot, aber wir (Über)lebenden und Nachlebenden leben, und die Toten sind am würdigsten geehrt, wenn wir das, was geschehen ist, wirklich fühlen und betrauern – und dann integrieren. Für mein Gefühl würde eine sprudelnde Quelle am Fuß dieses Blocks oder aus ihm entspringend symbolisieren, dass hier etwas ins Fließen kommt, und die Vergangenheit heilen und integriert werden darf. „Nie vergessen“ mit erhobenem Zeigefinger heißt auch „niemals heilen“ und damit ist niemandem gedient. Das Problem ist ja nicht so sehr das Vergessen, sondern das Verdrängen. Verdrängen führt zu vergessen, Heilung nicht, sie befreit einfach. Das Vergangene muss dann nicht vergessen werden, es tritt einfach in den Hintergrund.
Der schwarze Block des Mahnmals symbolisiert für mich eher Verdrängung: Da ist was, was ganz schwarzes, massiges, ungetümes. Was es genau war, kann man nicht erkennen, auf jeden Fall ist es monströs, sperrig, düster, unverdaulich – wir lassen es zwar da stehen, als Mahnmal, aber lösen tut es nichts, es bleibt wie es ist, für alle Zeiten. Im Unterschied dazu ist Trauern ein schöpferischer Prozess, weil daraus neues Leben erwächst. Trauer blockieren führt in die Depression.
Lebensquell (Fotomontage)
Lebendiges Fühlen statt Verdrängen
Den seit Jahrzehnten verbreiteten Widerwillen von uns Deutschen, nicht nur – mit schamgesenktem Blick – anzuerkennen, sondern offen zu betrauern und zu beweinen, was geschehen ist, erkläre ich mir dadurch, dass es schwerfällt, zur Reue zu finden, wenn wir verurteilt werden. Einerseits ist auch mein erster Impuls, wenn mich jemand verletzt hat, wütend auf ihn loszugehen und entweder zurückzuschlagen oder irgendeine Form von Wiedergutmachung zu verlangen. Und den anderen zu verurteilen, wenn er sich weigert, die volle Verantwortung für sein Tun zu übernehmen. Aber wenn ich selbst die Verurteilte bin, kann ich am eigenen Leib spüren, wie Urteil(en) mein Herz verschließt. Reue ist mehr etwas, das von allein fließt, wenn mein Herz sich öffnet, wenn ich sehe, was ich getan habe, ohne dass mich jemand verurteilt. Letztlich, auf einer ganz tiefen gefühlsmäßigem Ebene, verletzen wir immer auch uns selbst, wenn wir andere verletzen, und wahre Reue fließt, wenn wir das Verletztsein am eigenen Leib spüren.
Reue bedeutet weder primär Wiedergutmachung noch Asche auf unser Haupt streuen und von da an gebückt und schuldbewusst durch die Welt schleichen. Für mich ist überdeutlich, dass alles, was unter dem Stichwort Wiedergutmachung auf politischer Ebene bisher gelaufen ist, nichts an Heilung gebracht hat und auch nicht bringen konnte, weil es alles nur Lippenbekenntnisse waren, die die wesentlichen Ebenen nicht berühren und heilen konnten. Das wirkliche Entsetzen wollte niemand auf der „Täter“seite erlauben – dadurch ist es bis jetzt eingefroren und kristallisiert und schlägt, aus dem Unbewussten heraus, zutiefst bizarre Blüten im öffentlichen Leben. Was es braucht ist ein frei-williges wirkliches Hinsehen und Hinfühlen. Tote wollen gesehen und betrauert werden und Verbrechen oder Unrecht braucht gefühlte Reue, um heilen zu können.
Ein organisierter Völkermord wie der Holocaust ist aber so gewaltig, dass wir ihn weit von uns schieben wollen und zunächst auch müssen - „wollen“, weil sein Antlitz so abstoßend ist, dass wir es lieber heute als morgen zu verdrängen trachten, „müssen“, um ihn überhaupt in seiner ganzen entsetzlichen Gestalt erfassen zu können. Kein Einzelner unter uns kann den Holocaust als Ganzes betrauern oder dafür die Verantwortung übernehmen. Deshalb retten wir uns ins Kollektive: kollektive Trauer, kollektive Wiedergutmachung, kollektives Schuldbewusstsein und kollektive Betroffenheit.
Die Kehrseite davon ist, dass diese kollektive Trauer und Betroffenheit nicht die Gefühlsregionen in jedem Einzelnen von uns erreichen, in denen uns die einzelnen Toten etwas bedeuten können. All die Millionen gewaltsam umgeleiteter und grausam beendeter Lebensläufe bleiben für uns weitgehend anonym. Die Schicksale der einzelnen Ermordeten finden deshalb nur schwer Widerhall in unseren Herzen. Aber erst wenn wir als Einzelne unter all den für immer Gezeichneten oder Toten den einzelnen Menschen mit seinem Lachen und Weinen, Sehnen und Streben, seiner Verzweiflung und seiner Sehnsucht nach Liebe, erleben können, erkennen wir in ihm uns selbst wieder, und nur dann werden wir von seinem Schicksal zutiefst berührt und Trauer, Reue und Mitgefühl kommen in ihrer ganzen Tiefe in Fluss. Es ist in Wahrheit nicht die Zeit, die alle Wunden heilt, sondern das echte Trauern, das nach einer gewissen Zeit die Wunden heilen lässt. Wenn wir meinen, die Zeit heile alle Wunden, sprechen wir dabei eher von Verdrängung, und die heilt gar nichts.
Was – auch noch nach sechzig Jahren – zur Heilung fehlt, ist nicht noch mehr von dem vorwiegend kollektiven Schuldbewusstsein und der vorwiegend kollektiven Betroffenheit, die wir bisher kennen. Das ist eher so, als inszenierten wir immer wieder aufs neue dieselbe Beerdigung für dieselben uns unbekannten Verstorbenen mit denselben uns unbekannten Angehörigen. Wir hüllen uns in schwarze Gewänder, dämpfen unser Lebendigsein, zeigen Gesichter mit der angemessenen Mischung aus Betroffenheit und Schuldbewusstsein, „Grabesminen“, ohne aber wirklich im Innersten zu trauern und betroffen zu sein – es ist mehr eine depressive Erstarrung, in der wir uns währenddessen befinden – und sind froh, wenn wir zuhause die schwarzen Kleider abwerfen, wieder lebendig sein und unser Alltagsgesicht zeigen können.
Was noch fehlt, damit das Holocaust-Trauma heilen kann, so dass Begegnungen zwischen Juden und Deutschen sich ohne seinen Schatten wieder frei und schöpferisch, einfach den Bahnen des Hingezogenseins von Mensch zu Mensch folgend, entfalten können, ist vor allem persönliche Trauer und persönliches Betroffensein. Die Wirkung von Lebenszeugnissen wie dem Tagebuch der Anne Frank zeigt das. Deshalb versuchen wir seit sechzig Jahren immer wieder, durch Schilderungen von Einzelschicksalen in Büchern und Filmen dieses Einfühlen in ein einzelnes Leben nachzuholen, aber all diese Bücher und Filme bleiben noch zu sehr auf der kollektiven Ebene, haben immer noch zu viel Abstand von unserem persönlichen Leben und vermögen meist nicht, uns im Innern so zu verwandeln, dass das Täter- oder Opfersein oder die Zugehörigkeit zur Täter- oder Opferseite wirklich integriert ist. Das liegt wesentlich natürlich auch an der „Eingleisigkeit“ der Medien Film und Buch – sie berühren uns, wenn wir uns auf sie einlassen, aber in der Regel sind wir allein oder unter uns (unter uns Deutschen), wenn dies geschieht, und kein Jude nimmt unser Berührtsein wahr, es findet kein persönlicher Austausch von Mensch zu Mensch statt. Was es braucht ist, dass immer mehr einzelne Deutsche und immer mehr einzelne Juden sich aus freien Stücken und aus einem inneren Bedürfnis des Verstehens und der Heilung heraus beherzt hinauswagen und in geschütztem Rahmen1 die Begegnung miteinander suchen. (Dasselbe gilt für Israelis und Palästinenser.) Schritte dazu sind bereits seit einigen Jahren im Gang, vor allem zwischen Deutschen und Juden einerseits und Palästinensern und Israelis andererseits oder zwischen allen dreien gemeinsam. (Mehr darüber weiter unten.)
Die Frage, wie ich zum Jüdischsein, zum Holocaust und zu Israel stehe, stöbert mich immer wieder auf, bei jeder neuen Begegnung mit Juden. Sie wird jedesmal wieder lebendig, wenn ich einem jüdischen Menschen näherkomme. Und auch, wenn es wieder einen Presseskandal gibt, in dem sich wegen eines falschen (falsch nur, weil tabuisiert) Wortes eine groteske Welle von Anschuldigungen erhebt und – ohne Überzeugung aber um des lieben Friedens willen – Entschuldigungen für Äußerungen verlangt werden oder ausgesprochen werden müssen, die an sich – wäre das Klima durch die kollektive Verdrängung nicht so geladen – harmlos sind. Ich spreche hier nicht von wirklichen Diffamierungen, die es natürlich auch gibt. Ich kann es mir nur so erklären, dass das Maß der Überreaktionen umgekehrt proportional dem Maß der Verdrängung entspricht.
Scheinbar Offensichtliches aber auch Tabuisiertes zu hinterfragen ist meine Art, in der Welt zu sein, und die Vorstellung, nicht frei hinterfragen und sagen zu können, was meine Meinung ist, macht mich wütend. Nur solches Hinterfragen erlaubt mir, in dem Wust dessen, was uns vorgekaut und eingebleut wird, das zu finden, was für mich wesentlich ist. Ein Leben ohne Wesentliches ist für mich nur ein Dahinvegetieren. Oberflächliches ist für mich sinnlos, es lässt mich ohne Wurzeln und orientierungslos sein, ohne Liebe zum Sein. Es lässt mich nicht die Größe des Lebens spüren, nicht die tiefen Geheimnisse und Wunder ahnen und erleben, die unser Lebendigsein ausmachen.
Solange wir krampfhaft alles aussparen müssen, was mit Holocaust, Jüdischsein und Israel zusammenhängt, ist es eng und oberflächlich. Selbst das Wort „Jude“ ist auf subtile Art mit Schuld und Ablehnung assoziiert. Ich spüre es jedes Mal, wenn ich es ausspreche oder schreibe. Jedes Mal, wenn wir uns mit bestimmen wesentlichen Lebensfragen wie Opfer-Tätersein; Gut-Böse; Krieg; Heilung; Schuld; Anknüpfung an und Bewusstsein für die eigenen Wurzeln beschäftigen, stoßen wir in ihrem Zentrum, dort wo das heiße Eisen des Holocaust liegt, auf bizarre Tabus und Felder voller Minen, um die wir dann krampfhaft herumlavieren müssen. Allzuoft geht auch eine Mine hoch und jemand, der sich vorgewagt hat, wird geopfert. Was bei solchem Herumlavieren herauskommt, ist dann zwangsläufig ebenfalls Krampf und hat wenig mit wesentlichem, wahrhaftigen, sinnvollem Leben zu tun. Ich sehne mich nach einer Auflösung, einer wirklichen, tiefen Heilung dieses ganzen Dilemmas, sowohl damit wir uns unbefangen begegnen können, als auch um meiner Meinungsfreiheit willen.
Ich will zum Beispiel sagen dürfen, dass der Holocaust nicht die erste Judenverfolgung der Geschichte war, und dass Juden nicht das einzige Volk sind, das verfolgt und gemordet wurde. Ich will sagen dürfen, dass dieses Mitläufertum und dieses Wegsehen und Schweigen, wenn vor unseren Augen Gräueltaten geschehen, ein Teil des Menschseins war und ist (es hoffentlich nicht bleibt), auch und gerade jetzt wieder. Ich will all das sagen dürfen, ohne abzusprechen, dass der Holocaust in seiner kalten Systematik, die die Kehrseite deutscher Gründlichkeit und kaiserlicher Obrigkeitsgläubigkeit war, allen bisherigen Judenverfolgungen eine Krone aufgesetzt hat – eine bittere Dornenkrone. Ich will, dass im öffentlichen Bewusstsein gleichermaßen Raum ist für all die anderen Völkermorde, die vor oder nach dem Holocaust geschehen sind, auch in jüngster Geschichte. Dafür muss es aber möglich sein, Vergleiche zu ziehen, ohne bezichtigt zu werden, den Holocaust herunterzuspielen. Und ich will Vergleiche ziehen dürfen zwischen dem, was Israelis mit Palästinensern tun, und dem, was meine Vorfahren mit den Juden getan haben, ohne allein deshalb des Antisemitismus bezichtigt zu werden. Ich will sagen können, dass ich die Wut und die Verzweiflung der Palästinenser angesichts ihrer neuen, alten Mitbewohner verstehen kann.
Auch die Gefühle meinen Eltern gegenüber, die zur „Tätergeneration“ gehören, sind unterschwellig vom Holocaust betroffen, und damit meine Verbindung zu meinen Wurzeln und Ahnen. Ich kann nicht behaupten, dass meine Vorfahren nichts gewusst hätten oder „dagegen“ oder gar im Widerstand waren, auch wenn ich keine konkreten Angaben über tatsächliches handgreifliches Tätersein habe. Ich will schon lange nicht mehr glauben, dass Opfer gut und Täter böse sind, aber es ist doch noch tief in meinen Zellen eingegraben, dass es so ist. Meine ganze verkrampfte Beziehung zu meinem Zuhause geht mit Stimmungen und Gefühlen einher, die mich an die Stimmung des Holocaust erinnern. All das, was ich in meiner Kindheit als undefinierbar grau, schwer, niederdrückend empfunden habe, und was mich schließlich getrieben hat, von Zuhause fortzugehen, erinnert mich jetzt, im Rückblick, an das Graue(n) und die Schwere, die ich mit dem Holocaust verbinde. Aus der Aufstellungsarbeit (siehe Fußnote 2) weiß ich, dass der Holocaust in vielen deutschen (und natürlich jüdischen Familien) als „Gespenst“ aus Vergangenheit noch sehr präsent ist.
Viele Ausländer, die in Deutschland ankommen, berichten von einem spontanen Eindruck der Schwere und des Niedergedrückten, wenn sie zum ersten Mal deutschen Boden betreten. Als Deutsche erlebe ich das selbst nicht so, aber ich vermute, es fühlt sich ähnlich an, wie ich es jedes Mal empfunden habe, wenn ich früher, und auch noch einige Zeit nach dem Fall der Mauer, in Ostberlin oder der DDR ankam. Da entwich jedes Mal alle Farbe und Freude, jedes Licht aus dem Leben, es wurde eng, trostlos, auf schwer fassbare Weise bedrohlich, und ich war jedes Mal froh, wenn ich wieder draußen war. Der ganze Holocaust hat dieses trostlose Graue und dieses bodenlose Grauen. Immer wieder fällt mir der Unterschied zwischen den Filmen über die Sklavenzeit in den Südstaaten einerseits und dem Holocaust andererseits auf. Beide Ereignisse sind an herzzerreißender Tragödie, Schmerz und Leid kaum zu überbieten (obwohl es zahllose ebenso schreckliche Ereignisse in unserer Geschichte gibt), und doch, welch ein Unterschied in den Farben und der Lebendigkeit: die einen Filme mit warmen, braunen Farben, selbst das rote Blut, das fließt, unterstreicht das, die Sonne ist heiß und stickig ... In den Filmen über den Holocaust ist alles grau, unendliches, unermessliches, trostloses Grau. Obwohl auch dort Blut geflossen ist, fällt es kaum auf in all dem Grau, selbst der Himmel ist meist grau, die Sträflingslumpen schmutzig grau-weiß-schwarz ...
Ich erinnere mich an zwei Träume, die ich in meiner Kindheit mehrmals hatte: Ich stehe auf einer Brücke, düsterstes trostlosestes Wetter, wie vielleicht im deutschen November, und schaue auf einen Fluss, wo ich im Wasser die astronautenhaft – in silberenes, metallenes Zeug – eingepackte Gestalt eines Mannes (?) sehe, der da auf dem Rücken treibt, vollkommen steif und leblos. Die Stimmung ist an Trostlosigkeit nicht zu überbieten. Ein anderer Traum, der sich mehrmals wiederholte, war von einem Mann in gestreifter Sträflingskleidung, der mit einer Leiter an mein Schlafzimmerfenster kam und herein wollte, dann bin ich jedes Mal erschreckt aufgewacht. Lange habe ich mich gefragt, was ich mit einem Sträfling zu tun habe. Was der Traum bedeutete, weiß ich auch heute nicht genau, aber im Rückblick frage ich mich, ob der, der mir damals im Traum erschien, ein Sträfling oder ein Lagerinsasse war.
Auch das kulturelle Klima in Deutschland profitiert davon, wenn das jüdisch-deutsche Trauma heilen darf und Neues ins Fließen kommt. Als Autorin und Künstlerin liegt mir dieses Klima am Herzen. Die Philosophen, Dichter und Schriftsteller (zum Beispiel Martin Buber, Stefan Zweig, Franz Werfel, Heinrich Heine, Erich Fried), Musiker, Maler und anderen Künstler, die deutsche Juden waren, gehören auch mit zu meinem Erbe. Viele von ihnen wurden von ähnlichen Fragen bewegt wie ich. Solange die Kluft zwischen Deutschen und Juden weiterbesteht, ist auch meine Verbindung zu diesem Teil meines Erbes gestört oder unterbrochen. Viele Künstler jüdischen Ursprungs, die sich verständlicherweise von Deutschland abgewendet haben, fehlen mir hier in der kulturellen Landschaft. Mir fehlen die Juden, die selbstverständlich hier sind, weil sie hierhingehören, weil sie hier ihre Wurzeln haben, oder weil sie gern kommen und sich hier wohl fühlen. Da, wo sie sein sollten, ist ein Vakuum, ein spürbares Loch.
Vielleicht fehlen sie mir, weil meine Leidenschaft, zu hinterfragen, und meine Leidenschaft, eine Sache von allen Seiten zu betrachten, einer jüdischen Art, mit Lebensfragen umzugehen, gleichen. Da fühle ich mich Martin Buber nah, wenn er in seinen Schriften zur Philosophie (S. 1114, zitiert aus Wikipedia) sagt: „Ich habe keine Lehre, ich zeige nur etwas. Ich zeige Wirklichkeit, ich zeige etwas an der Wirklichkeit, was nicht oder zu wenig gesehen worden ist. Ich nehme ihn, der mir zuhört, an der Hand und führe ihn zum Fenster. Ich stoße das Fenster auf und zeige hinaus. (...) Ich habe keine Lehre, aber ich führe ein Gespräch.“
II. Offene Fragen und neue Wege
Es berührt und erleichtert mich, dass es in den letzten Jahren besonders unter den Kindern der im Dritten Reich ermordeten oder überlebenden Juden in Deutschland und woanders in Europa immer mehr gibt, die hier bleiben und sich ihre jüdische Identität hier neu aufbauen wollen. Ich bin berührt von der Kraft, die sie in sich finden und aus der sie schöpfen, von ihrem Willen, sich von der Identitifikation mit dem ausschließlichen Opfersein zu lösen, ohne ihre Wurzeln abzuschneiden. Ebenso will ich mich von der ausschließlichen Identifikation mit den Tätern lösen, ohne meine Wurzeln abzuschneiden.
Ohne den Holocaust in seiner Brutalität und Menschenverachtung herunterzuspielen wünsche ich mir, dass alle Seiten, die offen oder versteckt an ihm beteiligt waren, ihren Schmerz beweinen, Reue erlauben wo sie aufsteigt, und ihre Verantwortung zu sich nehmen. Die Trauer fließen zu lassen und zu weinen, fällt mir selbst schwer. Gleichzeitig weiß ich, dass es der Weg ist.
Ich will fragen und forschen können: Was hat es auf sich mit dem dreizehnten Stamm Israels, von dem Arthur Koestler in seinem Buch „Der dreizehnte Stamm“ schreibt? Koestler geht davon aus, dass die osteuropäischen Juden und damit der größte Teil der gegenwärtigen Juden überhaupt Nachfahren der Khasaren sind. Als das Khasarenreich, das zwischen dem 7. und 10. Jh. als jüdischer Staat zwischen dem Kaukasus und der Wolga auf dem Höhepunkt seiner Macht stand, im 12. und 13. Jh. unterging, verstreuten sich, so die Annahme bzw. Hinweise, die khasarischen Juden nach Osteuropa, vor allem Russland und Polen. Diese Sichtweise ist umstritten und kann geschichtlich bisher nicht eindeutig belegt werden, doch sprechen Indizien dafür, dass es so war. Den Einfluss der Khasaren könne man, so Koestler, bis heute in Sprache und Schrift, in der typischen Kleidung der osteuropäischen Juden und an anderen kulturellen Einflüssen erkennen. Während die zwölf Stämme Israels als direkte Nachfahren Jakobs, Isaaks und Abrahams gelten, bestünde dann dieser „dreizehnte“ Stamm aus den zum Judentum konvertierten Khasaren aus dem Kaukasus, was bedeuten würde, dass die Mehrheit der heutigen Juden, die Ostjuden gar nicht aus Palästina stammt.
In neuester Zeit greift u.a. Kevin Alan Brook2 die These Koestlers auf und dokumentiert die hohen Zahlen der Juden in Ost- und Zentraleuropa seit dem 10. Jahrhundert. Seiner Ansicht nach ist es weder denkbar noch zu belegen, dass sich die khasarischen Juden einfach auflösten oder zum Christentum übertraten, noch ist eine andere Erklärung schlüssig vorstellbar, woher die vielen Juden eingewandert oder zum Judentum konvertiert sein sollen. Seine Forschungen haben folgenden Ablauf ergeben: Historisch überliefert ist, dass König Joseph (Bulan) im 8. Jahrhundert zum Judentum übertrat. Es wird unter anderem erzählt, dass Joseph Vertreter der großen Religionen an seinen Hof gebeten habe, um sich von ihnen die Vorzüge ihrer jeweiligen Religion darlegen zu lassen. Nachdem er Vertreter des christlichen, jüdischen und islamischen Glaubens angehört hatte, entschied er sich für den jüdischen Glauben. Der wahre Grund für die Konversion zum Judentum war möglicherweise weniger seine persönliche Bekehrung als ein politischer Schachzug, denn das Khasaren-Reich lag zwischen dem christlichen Byzanz und dem muslimischen Persien. Mit dem Übertritt zum jüdischen Glauben wollte Joseph möglicherweise also verhindern, zum Spielball der einen oder anderen Nachbarmacht oder gar gewaltsam bekehrt zu werden. Trotz ihres Übertritts zum Judentum pflegten die Khasaren dann aber enge Verbindungen mit dem persischen Reich und mit Byzanz, und gleichzeitig war das wirtschaftlich und kulturell blühende khasarische jüdische Königreich Zufluchtsort für viele verfolgte Juden aus Byzanz und Persien. Spätere khasarische Könige bekannten sich zum Islam. Die Mehrheit der Bevölkerung blieb übrigens auch nach dem Übertritt ihres Königs Joseph teils christlich, teils muslimisch. Nach der Niederlage und Besetzung des Khasarenreiches durch die Russen kurz vor Christi Geburt blieben die Khasaren bis zum Mongoleneinfall Mitte des 13. Jahrhunderts nominell ein jüdischer Staat.
Der Khasarenfrage nachzugehen ist in vielen Kreisen verpönt, weil anti-jüdisch eingestellte Gruppen das Argument, die meisten Juden seien Khasaren und stammten daher gar nicht aus Palästina, benutzen, um den Juden ihren Anspruch auf Israel abzusprechen. Das ist natürlich eine spannende Frage, die sich auftut, und die offen auf dem Tisch sein sollte, aber ohne dass Juden fürchten müssen, deshalb aus Israel vertrieben zu werden. Als Waffe gegen die Juden würde ich das Argument mit den Khasaren lieber nicht benutzen, denn es eignet sich mindestens ebensogut als Waffe gegen den Rassenwahn: Wenn die Ostjuden wirklich Khasaren sind, wofür ja offensichtlich vieles spricht, stammen sie aus dem Kaukasus – das hieße, der weitaus größte Teil der im Holocaust ermordeten Juden waren Arier.
Ich finde, dass wir viel zu selbstverständlich und gedankenlos Argumente als Waffen gegeneinander benutzen. Das hat sich so eingebürgert, dass die meisten von uns gar nicht mehr anders denken und argumentieren können. Auf diese Art kommen wir mit Gedanken nicht zu Erkenntnissen, sondern kämpfen um Sieg oder Niederlage. Gedanken austauschen, „Diskussion“, bedeutet bei uns selten gemeinsamer Erkenntnisgewinn, sondern meist Krieg mit Worten. Eine Alternative ist Martin Bubers „Ich zeige Wirklichkeit, ich zeige etwas an der Wirklichkeit, was nicht oder zu wenig gesehen worden ist. (...) Ich habe keine Lehre, aber ich führe ein Gespräch.“
Es gibt also ursprünglich die zwölf Stämme Israels, die aus diesem Land stammen, dann die khasarischen Juden, die durch Konvertierung zu Juden wurden (aus jüdischer Sicht gilt bis heute als Jude, wer entweder von einer jüdischen Mutter geboren wurde oder zum Judentum übergetreten ist), das sind die askenasischen Juden. Und dann gibt es, seit dem Holocaust, diejenigen, die im Grunde erst durch die Rassengesetze des Dritten Reichs (die vollkommen andere Maßstäbe für die Definition Jude anlegen, als die Juden selbst) zu Juden erklärt wurden und mit den übrigen Juden durch den Holocaust in einer Schicksalsgemeinschaft verbunden sind.
Als Sepharden bezeichnet man die Juden, die rund um den Mittelmeerraum siedelten, zum Beispiel auf der Iberischen Halbinsel. Das Wort Semiten bezeichnete ursprünglich alle, die eine semitische Sprache sprechen, das waren im Altertum die Völker, die die arabische Halbinsel bewohnten und später nach Mesopotamien, Syrien und Israel, Ägypten, Äthiopien weiterzogen und mit der phönizischen Kolonisierung sogar bis an die Küsten des westlichen Mittelmeeres gelangten. Die Etikettierung der Juden als Semiten entstand gleichzeitig mit dem Antisemitismus, im Dritten Reich, wo die Semiten zu einer minderwertigen Rasse erklärt wurden. (Die Araber haben die Nationalsozialisten 1944 ausdrücklich von der „Rasse der Semiten“ ausgenommen. Semit war also nie ein ethnischer Begriff, sondern zunächst eher ein linguistischer, und später dann, seit dem Nationalsozialismus, ein politischer.
Obwohl die Frage des dreizehnten Stammes wohl letztlich eher unwesentlich ist, wenn es um die Heilung des Holocaust-Traumas oder des Nahostkonflikts geht, finde ich sie spannend. Zum einen, weil sie nicht offen auf dem Tisch liegt sondern gern verdeckt wird, und zum anderen, weil sie mich an die dreizehnte Fee in Schneewittchen erinnert – die Fee, die nicht geladen, nicht gewollt war. Die Assoziation mit der dreizehnten Fee erinnert mich an das Schicksal der Juden selbst, die ja seit Jahrhunderten immer wieder überall ein wenig wie die ungebetene dreizehnte Fee waren, weil viele sie am liebsten ausgeladen hätten.
Was ist es am Judentum, oder am Jüdischsein, das die Welt in Aufruhr versetzt? Warum geschah das immer wieder, dass Juden so gehasst werden? Ist es einfach der übliche Fremdenhass, nur vielleicht potenziert, weil die Juden das einzige Volk sind, die bis vor kurzem auf Dauer ohne eigenes Land waren und daher immer wieder inmitten anderer Volksgruppen lebten, sich aber doch durch die Einhaltung ihrer religiösen Gesetze und durch das Gefühl, anders zu sein, mehr oder weniger gegen diese abgrenzten und so doch letztlich Fremdkörper blieben?3 Ist es das Gefühl, von Gott auserwähltes Volk zu sein, das das Zusammenleben als Mensch unter Menschen belastet? Die Geschichte mit den Zinsen?
Bis zur Jahrtausendwende spielte die Geldwirtschaft ja allgemein keine große Rolle, weil der Tauschhandel im Vordergrund stand. Erst mit dem Ausbau des Orienthandels durch die italienischen Städte wurden große Geldmengen im Ausland gebunden, die daheim nicht mehr flüssig zur Verfügung standen. So wurde es sinnvoll, Geld zu leihen und mit der Ware im Ausland dafür zu bürgen, wie es zum Beispiel Shakespeare in „Der Kaufmann von Venedig“ beschrieben hat.
Handel hatte sich zur Domäne der Juden entwickelt. Weil die Juden, wenn sie sich nicht taufen lassen wollten, kaum die Möglichkeit hatten, Land zu erwerben und auch andere Einschränkungen für die Landbewirtschaftung hinzukamen (sie durften z.B. keine Christen als Arbeitssklaven beschäftigen) legten sie ihr Geld in Handel an. 1179 gestand Papst Alexander III den Juden zu, gegen Geld Zinsen zu verleihen (damals „Wucher“ genannt). Diese Erlaubnis wurde 1215 noch einmal bestätigt, als Innozens III ein an die Christen gerichtetes Verbot der Zinsnahme erließt, das als „Kanonisches Zinsverbot“ in die Geschichte einging. Allein die Tatsache, dass die Juden Zinsen nahmen – sie hatten damals nicht viel Auswahl an Einnahmequellen, nicht einmal in ihrer Domäne, dem Handel, da ihnen viele Türen verschlossen blieben – machte sie unbeliebt.
Wer hat hier mit was angefangen? Oder geht es gar nicht darum, wer angefangen hat? Wie wirkt das alles in den Nahostkrieg hinein? Und wo ist ein Lösung in Sicht?
Es gibt in meinen Augen zwei Arten von Krieg, deren einfühlende Betrachtung uns Schlüssel für die Lösung aller Kriege dieser Erde an die Hand geben: Im Kleinen unser aller privater Krieg, der gegen mich selbst, mit Schuldgefühlen und Selbstverurteilung, und, eng damit verflochten, der in intimen Beziehungen, zwischen Mann und Frau. Im Großen, auf der Weltbühne, der Krieg zwischen Israel und Palästina, ausgerechnet im „Heiligen Land“4. An diesen beiden Kriegen zeigt sich für mich alles, was Krieg ausmacht, und wenn diese beiden Kriege befriedet sind, wird es keine mehr geben, dessen bin ich sicher.
Über unseren Krieg gegen uns selbst und zwischen den Geschlechtern habe ich ausführlich in meinem Buch „Das Paradies auf Erden ...“ geschrieben.
Und der Krieg zwischen Israelis und Palästinensern? Woraus nähren sich die Angst und der Hass, die ihn immer weiter dauern und eskalieren lassen? Eine, die oberflächlichste, Wurzel dieses Krieges ist die Gründung des Staates Israel, die eine Folge des Holocaust ist. Der Holocaust war Anlass dafür, dass den Juden auf politischer Ebene das Recht zugesprochen wurde, in Palästina einen Staat zu gründen. Das ist die praktische Ebene. Auf der emotionalen Ebene ist das unerlöste Trauma des Holocaust mit dafür verantwortlich, wie verzweifelt und brutal jetzt der Krieg zwischen Israelis und Palästinensern geführt wird.
Kaum haben bis jetzt Juden und Deutsche gemeinsam geweint über das, was vorgefallen ist. Der sprachlose Kniefall von Willi Brandt war eine winzige Annäherung an die Größe und das sprachlose Entsetzen über das, was damals geschehen ist, aber er berührt nur kurz das Herz, zu kurz. Es braucht mehr. Da sind Meere von Tränen und viel ohnmächtige Wut, und sie wollen von beiden Seiten geweint und erlöst werden. Das findet aber nicht statt (jedenfalls nicht öffentlich, mehr dazu siehe weiter unten). Wir Deutschen wollen lieber heute als morgen vergessen, weil das Grauen, das Ungeheuerliche, das Entsetzen zu gewaltig erscheinen, um sie anzunehmen, weil wir uns zu schuldig fühlen, um hinzusehen. Geschweige denn zu dem, was geschehen ist zu stehen, und dabei Mensch zu bleiben und nach allem, und angesichts allem, was geschehen ist, auch die eigene Würde wieder zu erlauben. Wenn wir nicht hinschauen, können natürlich auch die Überlebenden oder ihre Kinder ihr Opfersein nicht loslassen, denn sie sind ständig damit beschäftigt, uns anzustoßen und wütend zu sagen: „Hey, erinnert euch, schaut gefälligst hin! Seht her, was ihr getan habt!“ So kann nichts jemals heilen und politische Wiedergutmachung bleibt eine Farce.
Unbemerkt von der großen Politik findet aber, besonders in den letzten zehn Jahren, an vielen Stellen der Welt Heilung zwischen Deutschen, Juden und Palästinensern in kleinen Gruppen statt. Ich weiß z.B. von jungen Israelis und Palästinensern, die sich gemeinsam zu Retreats in einer buddhistischen Gemeinschaft in Frankreich treffen, dort gemeinsam meditieren und sich austauschen. Von Heilungsritualen mit Juden und Deutschen in Deutschland und Israel, viele davon in Form sogenannter „Familienaufstellungen“5. Ein bewegendes Beispiel dieser Arbeit, mit das bewegendste, das ich kenne, findet sich auf dem Video „Die Toten“ (ISBN 3-89670-163-0). Es dokumentiert eine Aufstellung Bert Hellingers mit einem Überlebenden des Holocaust, die als familiäre Aufstellung begann und sich unversehens in eine Aufstellung mit Tätern und Opfern des Holocaust entwickelte, die auf erschütternde Weise ans Licht bringt, dass die Opfer und ihre Mörder gemeinsam Frieden finden können, wenn sie einander als Tote begegnen.
Auch der amerikanische Rabbi und Zen Meister Bernard Glassman ist einer von denen, die dazu beitragen, dass sich Versöhnungsräume durch Begegnung von Opfern und Tätern an den Schauplätzen des Grauens öffnen. Im Frühwinter 1996 fuhr er zum ersten Mal mit einer Gruppe nach Auschwitz, um dort ein Meditations-Retreat6 abzuhalten. Es ist nicht das letzte geblieben. Die Teilnehmergruppen sind gemischt. Die erste damals bestand zum Beispiel aus Polen, Deutschen, Amerikanern, Israelis, Iren, Italienern, Franzosen, Holländern, Schweizern, Tschechen und Belgiern, darunter Rabbies, katholische Nonnen und Mönche, buddhistische Priester, Nonnen und Lehrer, einen Sufi-Imam und Laien aller Konfessionen. Sie blieben fünf volle Tage in den Lagern, tagsüber überwiegend in Birkenau, und schliefen des Nachts auf dem Lagergelände. Bernhard Glassman schreibt dazu in seinem Buch „Zeugnis ablegen“:
„Im Anschluss an meinen ersten Auschwitzbesuch im Dezember 1994 hatte ich das Gelübde abgelegt, in den Vernichtungslagern ein Retreat zu organisieren. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sollten von dem, was hier geschehen war, Zeugnis ablegen. Es sollte eine Woche der Einkehr werden. (...)
Ich war mir sicher, dass eine solche Begegnung heilend wirken würde. In welcher Form dies geschehen würde, war mir nicht klar. Doch dass eine solche Wirkung eintreten würde, dessen war ich mir so sicher, dass ich schon vor Beginn jenes Retreats ein Festmahl plante, das am Tag des Erntedankfestes, dem letzten Tag der Veranstaltung, stattfinden sollte. Am Ende würde uns ein Gefühl tiefer Wertschätzung und Dankbarkeit erfüllen, und wir würden dies auf irgendeine Weise ausdrücken wollen. Doch allen, die mich fragten, wie es dazu kommen würde, antwortete ich ehrlich, dass ich es nicht wisse.“
Tagsüber meditierten die Teilnehmer, in Kleingruppen oder alle gemeinsam, an verschiedenen Orten des Lagers oder erfanden spontan Rituale. Manchmal bestand die Meditation darin, die langen Listen von Namen der Ermordeten zu verlesen. Jeden Abend kamen die Teilnehmer des Retreats zusammen, um sich über ihre Gefühle und Eindrücke auszutauschen. Das erwies sich als eine große Herausforderung. „Der erste Abend gestaltete sich sehr schwierig. Denn niemand wollte über sich erzählen. (...) Allmählich entwickelten immer mehr Teilnehmer den Wunsch, ihre Geschichten zu erzählen. (...) Bald wurde uns allen bewusst, dass etwas in Gang gekommen war. Wir wurden allmählich vertrauter miteinander – und mit Auschwitz. Die Unterschiede zwischen uns blieben weiterhin bestehen, und die Atmosphäre des Schreckens, die von dem Todeslager ausging, ließ keine Sekunde nach. Doch wir wurden zu einer großen Familie, und zu der gehörten nicht nur alle Retreat-Teilnehmer, sondern auch die ehemaligen Bewohner dieses Ortes.
Vermutlich begann dieser Prozess, als die Namen der Toten rezitiert wurden. (...) Dies waren nicht einfach nur Namen, sondern die Toten erwachten zum Leben. Jeder dieser Namen verkörperte eine Geschichte, ein vorzeitig beendetes und doch vollendetes Leben. Auch die zu Asche verbrannten Knochen erwachten zu neuem Leben – und zwar nicht nur die Knochen der im Lager umgekommenen, sondern auch die abgestorbenen Teile unseres eigenen Lebens, vor denen wir Angst haben und die wir hassen, Teile, die wir bisher mieden und vor denen wir geflohen waren.“
„Einmal standen wir nach einer Meditation vor den Ruinen eines Krematoriums und sprachen das Kaddisch. Wir beteten es für die vielen in Auschwitz umgekommenenn Kinder. Im Anschluss daran hatte Rabbi Don Singer eine Ansprache halten wollen. (...) Er hatte uns immer wieder daran erinnert, dass Freude und Lachen überall, auch in Auschwitz, ihren Platz haben. Er sagte oft, er könne nicht über Gott sprechen, wenn er nicht auch über die Freude spreche. Doch nun schwieg er. In diesem Augenblick fühlte er sich außerstande, Freude zum Ausdruck zu bringen. Schweigend starrte er auf die riesigen Gaskammern, in denen so viele Babys umgekommen waren.
Dann ertönte plötzlich von irgendwoher der Gesang einer Frau. (...) Bald sangen die Teilnehmer aus der Schweiz und aus Deutschland für die in Auschwitz ermordeten Kinder deutsche Wiegenlieder.“
Zu Anfang des Retreats wollten einige gleich wieder abfahren. Zu unerträglich war das Ungeheurliche, das von Auschwitz ausging, und zu unerträglich schien es dann doch – obwohl sie sich zunächst bewusst darauf eingelassen hatten – für viele Überlebende oder Kinder von Überlebenden und Ermordeten, mit ehemaligen Tätern oder deren Kindern gemeinsam hier zu sein. Immer wieder entflammten Streitigkeiten, Teilnehmer brachen zusammen unter der Wucht des Erlebten, der eine oder andere wurde krank. Doch nach und nach, je länger die Gruppe blieb und die Einzelnen sich dem hingeben konnten, was in ihnen geschah, und den Mut und das Vertrauen fanden, dies mit den anderen zu teilen, desto mehr trat das allgemeine Menschsein in den Vordergrund, und desto mehr wandelte sich ein Teil des Grauens in Liebe.
„An einem Abend sprach ein Franzose das aus, was die Herzen vieler Teilnehmerinnen und Teilnehmer bewegte. Er hatte hier seine Verwandten verloren. Der Besuch an diesem Ort war für ihn eine traurige und schmerzliche Wiederbegegnung mit diesen Menschen. Doch mit dem wachsenden Schmerz, den er empfand, nahm auch seine Freude und Liebe zu. Er sagte, er habe das Gefühl, von den Seelen, die an diesem Ort weilten, gehe Liebe aus. Und das ist tatsächlich so: Von Auschwitz und Birkenau strahlt Liebe aus. Diese Liebe hatte uns hier zusammengebracht. (...)
„Ein gebrochenes Herz kann man auf unterschiedliche Weisen zum Ausdruck bringen. Nicht nur Tränen, sondern auch Lachen, Schweigen, Tanzen und sogar das Singen deutscher Wiegenlieder können ihm Ausdruck verleihen. Erst wenn wir unsere Gebrochenheit akzeptieren, werden wir zur Ganzheit gelangen. Abend für Abend entdeckten wir neue Möglichkeiten, unsere Gebrochenheit auszudrücken. Und immer erwuchs daraus Heilung.“ (Zitate aus: Bernard Glassman, Zeugnis ablegen. Buddhismus als engagiertes Leben. ISBN-10: 389620159X)
Es gibt mittlerweile viele solcher und ähnlicher Retreats, Pilgerreisen, Begegnungen, in denen Betroffenheit, Weinen, Trauer, Mitgefühl, Berührtsein und auch Freude Raum haben und Heilung stattfindet. Sabine Lichtenfels aus Tamera (in Spanien) organisiert Pilgerwanderungen durch Israel mit ähnlich gemischten Gruppen wie bei Bernhard Glassman. Eine solche Pilgerwanderung beschreibt sie in ihrem Buch „Grace – Pilgerschaft für eine Zukunft ohne Krieg“ (ISBN: 3-927266-23-X), in dem sie schildert, wie eine Gruppe von oft manchmal nur 30 Menschen durch die Hingabe an gewaltfreien Umgang und die schöpferische Präsenz im Innern selbst inmitten dieses Bürgerkrieges Friedensimpulse setzt und Türen öffnet, auch Herzenstüren. All diese Projekte berühren und beeindrucken mich nachhaltig, dort und durch sie findet Heilung statt. Nicht eine oberflächliche Wiedergutmachung, sondern Heilung.
Eine andere Wurzel des Krieges im Heiligen Land ist in meinen Augen die biblische Geschichte um Isaak und Ismael (und Jakob und Esau in der zweiten Generation7). Sind das nicht alles nur biblische Geschichten? Wie sollen sie, die möglicherweise nur erfunden oder symbolisch sind, die Wurzel des Nahostkrieges sein? Erfunden oder nicht: Wenn ich diese Geschichten lese, drängt sich mir der Vergleich mit dem jetzigen Konflikt, des auf politischem Wege unauflösbaren Clinches zwischen Juden und Arabern, Israelis und Palästinensern insbesondere, geradezu auf. Wem gehört das Land? Wer hat hier das Erstgeburtsrecht? Wer war zuerst hier? Jede der Parteien beharrt auf ihrem Recht. Und wenn ich die väterliche Prophezeiung für Esau (der als einer der Stammväter der Araber gilt) lese: „Von deinem Schwerte wirst du dich nähren, und deinem Bruder [dem Stammvater der Juden] sollst du dienen. Aber es wird geschehen, dass du einmal sein Joch von deinem Halse reißen wirst“, kommt mir sogleich der Krieg im Heiligen Land in den Sinn – es ist, als sei er vorausgesagt. Ich kann nicht glauben, dass diese Geschichten, gleich-gültig ob sie damals so geschehen sind oder nicht, überhaupt keinen Einfluss auf den Krieg zwischen Israelis und Palästinensern haben. Sie ähneln der jetzigen Situation in den wesentlichen Dynamiken und Konstellationen einfach zu sehr, und das, was heute ist, erscheint wie ein Echo aus alter Zeit.
Begonnen hat alles mit Abraham. Abraham ist der Urvater, der von Gott aufgerufen wird, ins Land Kanaan zu ziehen. Er nimmt seine Frau Sara mit. Beide sind schon alt. Abraham wünscht sich von Gott einen Sohn, an den er all den Reichtum und die Fülle, die er im neuen Land gefunden hat, weitergeben kann. Sara aber kann ihm keinen Sohn gebären. Nach damaliger Sitte war es legitim, dass der Stammesfürst (Abraham war ja Stammesfürst) mit einer Zweit- oder Nebenfrau einen Sohn zeugte, der später nach dem Tod des Vaters sein Nachfolger wurde, ganz so, wie es dem ältesten ehelichen Sohn zugekommen wäre. So war es auch, sogar auf Betreiben Saras und mit ihrer Einwilligung, geplant. Abraham zeugte mit seiner Magd Hagar seinen erstgeborenen Sohn: Ismael. Ismael gilt als Stammvater der Araber.
Danach ergaben sich unerwartete Komplikationen. Hagar fühlte sich Sara überlegen weil sie Abraham einen Sohn schenken konnte und Sara zunächst nicht. Sie drohte sogar damit, ihren Sohn für sich zu behalten, anstatt ihn für den Fortbestand der Sippe herzugeben. Als Ismael geboren wurde, bekam er von Gott eine schlechte Prognose. Es hieß, er werde ein wilder Mann sein, ein Streitbold. Viele Jahre nach Ismaels Geburt gebiert Sara, völlig unvorhergesehen, Abraham dann doch noch einen Sohn: Isaak (Stammvater der Juden) In einem solchen Fall verlangten die damaligen Stammesgesetze, dass der Sohn der Nebenfrau, wiewohl eigentlich erstgeboren, seine Position als Nachfolger des Vaters abgab und an den Platz des zweiten Sohnes trat. Dem Gesetz nach konnte er als zweiter Sohn dann frei wählen, ob er bleiben und dem ersten Sohn dienen oder gehen und einen eigenen Stamm gründen wollte. Aber wenn er fortging, tat er das mit allen Ehren (so das Gesetz) und genoss allen Respekt und den Segen der Sippe.
Aber so geschah es nicht. Wegen der Eifersucht zwischen Sara und Hagar wurden Hagar und Ismael von Sara und Abraham verstoßen und ohne Segen in die Wüste geschickt. Dort wären sie fast umgekommen. An dieser Stelle wurde eine Ordnung verletzt, und die Verletzung dieser Ordnung bzw. die Konflikte, die ihr vorausgehen, sind für mich die tiefste Wurzel des Nahostkonflikts.
Zuerst geht es um einen Eifersuchtskonflikt und dann um einen Bruderzwist, die miteinander verwoben sind und zu Reibereien und Krieg führen. Sabine Lichtenfels sieht speziell den Eifersuchtskonflikt der beiden Frauen als ausschlaggebend für alle darauf folgenden Konflikte. Ihre Heilungsmeditation beginnt mit den Sätzen:
„Siehe auf der einen Seite das palästinensische Volk mit seinem Schmerz, mit seiner Sehnsucht nach Freiheit und seiner kulturellen Herkunft. Siehe auf der anderen Seite das israelische Volk mit seiner Kultur, mit seinen Verwundungen und seiner jahrhundertealten Sehnsucht nach Schutz und Heimat. Siehe die alte Geschichte, die Wurzel des Konflikts. Abraham, Stammvater beider Völker, zeugte Ismael mit seiner Magd Hagar. Abraham und seine eifersüchtige Frau Sara schickten schickten Hagar mit Ismael in die Wüste. Es begann mit einem Liebeskonflikt. Stell dir vor, Abraham und Sara finden eine neue und solidarische Lösung in Achtung für Hagar und Ismael.“ Text von Sabine Lichtenfels (Siehe www.tamera.org, dort auch ein der ganze Text für diese Meditation)
Was hat es mit dem Erstgeborenenrecht auf sich? Warum ist das so wichtig? Bei uns zählt es ja jetzt nicht mehr viel – bzw. wir sind uns dessen nicht bewusst. In früheren Generationen schon, dort konnte unter Bauern nur einer den Hof erben, in der Regel der Älteste. Seitdem haben wir fast vergessen, wie wichtig es ist, dass jeder in der Sippe seinen Platz einnimmt, den Platz, der ihm zukommt. Und dieser Platz richtet sich zum einen wesentlich danach, wer zuerst da war. In der systemischen Familienarbeit kommt diese Weisheit (besonders in Familienaufstellungen) wieder ans Licht. Es geht so weit, dass in einigen Fällen chronische Reibereien in Familien allein dadurch gelindert werden können, dass jeder am Esstisch den Platz einnimmt, der ihm oder ihr zukommt. Als jemand, der sich früh von allem Althergebrachten und Traditionellen abgewendet hat, konnte ich mir die Wichtigkeit dieser Rangordnungen gar nicht vorstellen, bis ich sie als Stellvertreterin in Aufstellungen immer wieder am eigenen Leib erlebt habe. Wichtig für das, was ich hier sagen will, ist: Wenn der Erstgeborene nicht als Erstgeborener anerkannt wird, mit allen Rechten, die ihm deshalb zustehen, ist Unfrieden die Folge. Und dieser Unfrieden wird in die folgenden Generationen weitergegeben, solange, bis die Wurzel geheilt ist. Ebenso wie unsere „persönlichen“ Kindheitstraumen in unserem Erwachsenenleben weiterwirken, bis das Kindheitstrauma geheilt ist.
Kann es sein, dass im Heiligen Land das alte Drama immer noch gespielt wird, immer und immer wieder, gleich-gültig, ob das in der Bibel beschriebene so überhaupt jemals stattgefunden hat oder nicht? Gleichgültig, wie viele Jahrhunderte, Jahrtausende mittlerweile vergangen sind? Für mich liegt es auf der Hand. In diesem besonderen Fall kommt ja hinzu, dass die alten Geschichten durch die Bibel immer wieder allen Beteiligten (und sogar „aller Welt“) vor Augen geführt und „wieder aufgerührt“ werden. Selbst wenn es in Wahrheit alles gar nicht so gewesen sein sollte: Allein dadurch, dass so viele es lesen und glauben, erlangt es ja bereits eine eigene Wirklichkeit.
Geht es also hier überhaupt um eine politische Frage? Und haben wir wirklich keine andere Wahl, als persönlich und kollektiv im Wiederholungszwang unsere Urtraumen immer wieder neu zu beleben? Was ist hier eigentlich los? Wer wenig über solche archetypischen, kollektiven und psychologischen Zusammenhänge weiß, sie auch nicht am eigenen Leib erlebt hat oder aus anderen Gründen nicht an sie „glaubt“, und der Gewohnheit anhängt, internationale Konflikte nur auf politischer und diplomatischer Ebene zu lösen, mag sagen, dass es lächerlich und absurd sei, auch nur die Möglichkeit einer heilenden Wirkung solcher Rituale und Visualisierungen, wie ich sie weiter oben und im Folgenden beschreibe, in Betracht zu ziehen. Aber, großes ABER: Angesichts dessen, dass Politik und Diplomatie hier seit Jahrzehnten versagen, ist es nicht wert, diesen Spuren zu folgen und zu sehen, wohin es uns führt? Ob ein Ansatz etwas taugt, hängt von seinen Früchten ab, nicht davon, ob er in unser gewohntes Bild von der Welt passt. Sich diesen unkonventionellen Ansätzen zuzuwenden, sie auszuprobieren und auf sich wirken zu lassen, anstatt sie von vorschnell zu verwerfen, kann unerwartete Früchte tragen. Nahezu alle Welt wünscht sich Frieden, und mit konventionellen Methoden ist keiner in Sicht.
Für mich liegen die emotionalen Schlüssel für eine Heilung des Nahostkrieges in jedem von uns, aber besonders bei den Palästinensern, den Deutschen und den israelischen Juden. Wir haben die Wahl, das Spiel zu ändern, aus dem Teufelskreis von Tätern und Opfern auzusteigen, aber nicht mit den gewohnten Mitteln der Politik. Wir brauchen dafür unsere Verzweiflung über die nicht enden wollende Vernichtung und Zerstörung in all diesen Kriegen, Experimentierfreude und eine Offenheit für unkonventionelle Methoden sowie ein Bewusstsein, das uns erlaubt, aus der Schwarz-Weiß Sicht auszusteigen. Dieses Bewusstsein steht uns allen offen, wenn wir es wollen. Es liegt an uns. Die Wahl mag unbequem sein, aber im alten Denken verharren ist ein Schrecken ohne Ende.
Silvie Katz schlägt auf ihrer Webseite ein heilendes Psychodrama vor, das jede(r) von uns gemeinsam mit Freunden oder auch einfach in sich selbst lebendig werden lassen kann, und das ich hier mit ihrer Einwilligung einfüge:
Personen:
Abraham
Sara
Isaak (ein kleiner Junge)
Die Sippe (eine Gruppe historisch gekleideter Gestalten im Hintergrund)
Hagar (eine ältere Frau)
Ismael (ein junger Mann)
Die Umgebung: einige Beduinenzelte am Rande der Wüste
Szene 1:
Abenddämmerung. Vor den Zelten. Aufstellung Abraham, Isaak, Sara, in dieser Reihenfolge. Die drei sehen zwei Gestalten nach, die sich in Richtung Wüste entfernen. Dann drehen sie sich um (drehen den Fortgehenden den Rücken zu) und gehen ins Zelt zurück.
Wenn wir uns diese Szene “aufgestellt” vorstellen, bemerken wir, dass es zwei Gruppen gibt: Abrahams Kernfamilie und die Mutter/Sohn-Dyade Hagar und Ismael. Beide Gruppen drehen einander den Rücken zu, sehen einander also nicht mehr. Ismael und Hagar gehen in die beginnende Nacht hinaus (ins Dunkel, in den psychologischen Schatten)
Szene 2: Morgendämmerung. Vor den Zelten. Abraham, Isaak, Sara. Im Hintergrund im Halbkreis aufgestellt die Sippe. Hagar und Ismael kommen ins Lager zurück und stellen sich vor Abrahams Kernfamilie hin.
Es ist Morgendämmerung: die Vertriebenen kehren aus dem symbolischen Dunkel des “Schattens” zurück. Die beiden Gruppen stehen einander gegenüber und schauen sich an. Eine notwendige Voraussetzung für den Fortgang der Handlung, aber auch eine Aufstellung für eine Konfrontation. Diese ist nötig, wird aber gleich friedlich durchgeführt werden.
Abraham (tritt vor Hagar): Ich bitte dich um Entschuldigung für deine und deines Sohnes Vertreibung. Seid nun in Ehren wieder in die Sippe aufgenommen, deren Teil ihr seid.
Hagar: Ich nehme deine Entschuldigung an. Auch ich bitte um Verzeihung für mein arrogantes Verhalten.
Abraham: Ich nehme deine Entschuldigung an. Aber sag das vor allem Sara.
Hagar (tritt vor Sara): Ich bitte dich um Entschuldigung für mein arrogantes Verhalten.
Sara: Ich nehme deine Entschuldigung an und bitte meinerseits um Verzeihung für meine Intrigen gegen dich.
Hagar: Ich nehme deine Entschuldigung an. (Hagar nimmt Ismael an die Hand und tritt vor Abrahams Kernfamilie): Ich übergebe meinen Sohn Ismael als rechtmässigen Zweiten Sohn eurer Sippe.
Abraham, Isaak und Sara: Wir danken dir und würdigen deinen Beitrag. Sei bedankt und geehrt. Ismael, wir nehmen dich in Ehren auf als unseren Zweiten Sohn und als Isaaks Bruder.
Ismael: Ich nehme meinen rechtmässigen Platz als Zweiter Sohn an.
Isaak: Ismael, ich sehe dich und respektiere dich als meinen Bruder und den Zweiten Sohn unseres Vaters.
Ismael: Isaak, ich sehe und respektiere dich als meinen Bruder und den Ersten Sohn unseres Vaters.
Gleiche Szene, neue Aufstellung: Abraham, Sara, Hagar (in dieser Reihenfolge). Vor ihnen: Isaak und Ismael. Alle schauen in dieselbe Richtung nach vorn – in den beginnenden Tag.
Ismael dreht sich um und schaut Abraham offen ins Gesicht: Ich habe beschlossen, von hier fortzugehen und meine eigene Sippe zu gründen.
Hagar stellt sich an Ismaels Seite: Ich begleite dich.
Abraham, Sara und Isaak: Geht mit unserem Segen und mit dem Segen der Sippe. Zustimmendes Gemurmel aus dem Hintergrund.
Szene 3: Heller Tag. Vor den Zelten. Kamele werden bepackt. Hagar und Ismael sitzen auf und reiten in den hellen Mittag hinein. Abraham, Sara und Isaak und die Sippe schauen ihnen nach.
Die Gestalten von Ismael und Hagar werden immer kleiner, bis sie sich in der Ferne auflösen.
Silvie Katz schreibt dazu: „Wenn Sie nach dieser Methode das richtige morphogenetische Feld (siehe Fußnote 2) erstellen wollen, das die Wurzeln des Nahost-Konflikts heilen kann, drehen Sie diesen “Film” einmal mit allen Szenen. Das wird allerdings nicht annähernd reichen. Das “Konfliktfeld” im Nahen Osten ist sehr stark; es ist illusorisch zu glauben, dass es sich mit dieser Methode schnell auflösen lässt. Wir können hiermit nur einen Impuls geben und hoffen, dass sich dieser verstärkt. Er verstärkt sich schon, indem mehr und mehr Menschen diese Information bekommen und damit arbeiten.
Wir können ihn zusätzlich verstärken, indem wir die letzte Filmszene (Ismaels ehrenvoller Auszug aus Abrahams Sippe) oft vor unserem inneren Auge ablaufen lassen. Das dauert nur eine Minute und Sie können es an ihre tägliche Friedensmeditation anhängen.
Es kommt nur auf diese letzte Filmszene an, denn sie symbolisiert die Lösung; alles andere ist Vorbereitung und braucht nur einmal gemacht zu werden. Wenn wir mit der Zeit ein genügend kraftvolles morphogenetisches Feld für Frieden aufbauen wollen, müssen wir allerdings dranbleiben und es immer wieder aufladen und verstärken.“
Fußnoten:
1 Das heißt, in einem Rahmen, in dem alle Gefühle aller Beteiligten Raum haben und ins Fließen kommen dürfen, aber so, dass dadurch das gemeinsame Menschsein, das Verbindende, in der Vordergrund und die alte Feindschaft, das Trennende, in den Hintergrund treten. So, dass sich kalte, verschlossene Herzen in warme, geöffnete verwandeln.
2 Kevin Alan Brook. The Jews of Khazaria. Northvale (NJ) & Jerusalem: Jason Aronson, 1999.
3 Durchaus auch manchmal unfreiwillig. Ich erinnere mich an die verzweifelte Frage einer deutsch-jüdischen Freundin, die damals unter diesem unterschwelligen Anderssein litt: „Petra, wie geht das, deutsch zu sein? Was macht das Deutschsein aus? “
4 Diese Einschätzung ist nicht politisch sondern symbolisch bedingt. „Heiliges Land“ - in diesem Namen klingt unsere Sehnsucht nach Heiligkeit (und damit Heilsein) an, unser Bemühen, einen tiefen Sinn im Leben zu finden und zu verwirklichen. Krieg ist Ausdruck des Zerstörerischsten, was wir als Menschen in uns tragen. Dieser hartnäckige Krieg ausgerechnet an dem Ort der Welt, den wir das Heilige Land nennen, heißt für mich, dass „höchstes“ menschliches Streben und Potential und die „niedersten“ menschlichen Triebe, die dieses Potential sabotieren, auf- einanderprallen. Wenn wir unsere zerstörerischen Triebe so verwandeln und schöpferisch kanalisieren können, dass hier Frieden ist, ist Frieden auf Erden.
5Bekannt vor allem durch Bert Hellinger. Familienaufstellungen sind Rituale, in denen Familienkonstellationen mit Stellvertretern „aufgestellt“ werden. Die ansonsten verborgene innere Dynamik der jeweiligen Familie wird dann deutlicher, weil die Stellvertreter einerseits offensichtlich Zugang zu inneren Dynamiken bekommen, aber ohne so tief darin verstrickt zu sein, wie die „echten“ Familienmitglieder. Sie können sich dadurch einfühlen und haben gleichzeitig den nötigen Abstand, zu berichten, was in ihnen wirklich vorgeht. Der nächste Schritt besteht, sehr vereinfacht ausgedrückt, darin, mithilfe der Rückmeldungen der Stellvertreter zu einer Lösung zu kommen, die Gestautes in Fluss bringen und so Heilungsimpulse für die „echte“ Familie geben. Je mehr sich das Vorgehen für Familien bewährte und je mehr neue Einsichten und Erkenntnisse gewonnen wurden, weiten sich die ursprünglichen Familienaufstellungen zu Aufstellungen auch anderer Gruppenzusammenhänge (Belegschaften, Organisationen, ganze Völker) aus. Als Erklärung für die Wirksamkeit solcher Rituale wird oft die Hypothese der „morpho-genetischen Felder“ von Rupert Sheldrake herangezogen. Sheldrake nimmt an, dass es Bewusstseinsfelder gibt, die Lebewesen verbinden, und über die Informationen ausgetauscht werden.
6Retreat ist englisch für Rückzug. Es bezeichnet ein Phase, in der sich mehrere oder ein einzelner vom normalen Leben zurückziehen, eine kürzere oder längere Auszeit nehmen, um nach innen zu gehen und auf die eine oder andere Art die inneren Räume zu erforschen.
7 In der zweiten Generation wiederholt sich die Sache mit dem abgesprochenen Erstgeborenenrecht bereits. Dieser zweite Konflikt ist wahrscheinlich die unbewusste Wiederholung des urspünglichen Verdrehung Verletzung zwischen Ismael und Isaak. Isaak heiratet später Rebekka, die Zwillinge zur Welt bringt: Esau und Jakob. Esau ist behaart an Armen und Beinen, eher wild vom Naturell, und der Erstgeborene. Jakob hat glatte Haut, ist der Zweitgeborene, und der Intellektuelle von beiden. Irgendwann kauft Jakob dem Esau dessen Erstgeburtsrecht für ein Linsengericht ab.
Noch ein zweites Mal betrügt Jakob, diesmal mit Hilfe seiner Mutter Rebekka, um dem Esau seine Erstgeborenenstellung endgültig streitig zu machen, und erst nach diesem zweiten Mal kommt es zu einem ernsthaften Konflikt zwischen den zwei Brüdern: Als der Vater, Isaak, im Sterben liegt, betrügt Jakob seinen Bruder, angeregt und aktiv unterstützt durch seine Mutter Rebekka, um den Erstgeborenensegen des Vaters. Als dieser sich nämlich alt und fast blind zum Sterben hinlegt, tritt Jakob mit Fell bekleidet (Esau ist ja so behaart) vor ihn hin, gibt sich als Esau aus und bittet den Vater, ihm auf dem Totenbett den Erstgeborenensegen zu geben. Der Vater, überzeugt, dass Ismael, sein Erstgeborener, vor ihm kniet, spricht über Jakob seinen feierlichen Segen aus. Obwohl der Betrug auffliegt, bleibt damit für den späteren Esau nur ein magerer Spruch übrig, mit den Worten: Siehe, du wirst wohnen ohne Fettigkeit der Erde und ohne Tau des Himmels von oben her. Von deinem Schwerte wirst du dich nähren, und deinem Bruder sollst du dienen. Aber es wird geschehen, dass du einmal sein Joch von deinem Halse reißen wirst.“
Esau wird natürlich wütend – von da an herrscht Krieg zwischen den beiden. Rebekka rät Esau, zu fliehen. Esau verlässt dann für etwa 20 Jahre Kanaan und kehrt nach zwanzig Jahren mit seinen Kindern zurück. Auf dem Rückweg kommt es nachts zu einem Kampf mit einem Fremden, der ihm nach dem Kampf am Morgen den Namen Israel gibt, Streiter Gottes: „Von nun an sollst du nicht mehr Jakob heißen, sondern Israel, das heißt: Streiter Gottes. Denn mit Gott und mit Menschen kämpfst du und bleibst Sieger.“ Jakob versöhnte sich später mit seinem Bruder Esau.
Jakob lebte im Land Kanaan und hatte zwölf Söhne: Ruben, Simeon, Levi, Juda, Issachar, Sebulon, Josef, Benjamin, Dan, Naftali, Gad und Ascher. Sie wurden die Stammväter der zwölf Stämme Israels.
© 2008 Petra Mecklenburg